Orsolics vor zwei Jahren bei seinem 70er im Marchfelderhof. - © apa/Marchfelderhof
Orsolics vor zwei Jahren bei seinem 70er im Marchfelderhof. - © apa/Marchfelderhof

Es war eine Explosion von wilder Kraft, die einen boxerisch unglaublich verbesserten Orsolics im ersten Anlauf und ausgerechnet gegen den zweifellos besten Gegner seiner Karriere zum Europameister im Weltergewicht machte. Ein unheimlich harter Aufwärtshaken, in eine Drehung Josselins geschlagen, erwischte den Franzosen genau am Kinn, und das war der Anfang vom Ende. Mit einem wilden Überfall erlegte Orsolics dann seinen Gegner, einen echten Klassemann, und der Mann, der in 117 Amateurkämpfen und 62 Profikämpfen noch nie k.o. gegangen war, lag hoffnungslos geschlagen auf dem Rücken. Ringrichter Dino Ambrosini zählte den Mann aus Besançon aus, sein Zählen ging in einem unglaublichen Begeisterungssturm unter.

"Wiener Zeitung",
27. September 1969

Zwei Tage davor - nach Redaktionsschluss der meisten Zeitungen - hatte Hans Orsolics, der "am härtesten schlagende Rauchfangkehrer Österreichs", den Franzosen Jean Josselin vor 14.000 begeisterten Zuschauern in der Wiener Stadthalle geschlagen und den EM-Titel im Weltergewicht geholt. Am Mittwoch jährt sich dieses Ereignis, das zu den Höhepunkten heimischer Boxgeschichte zählt, zum 50. Mal. Es war in dieser Kategorie der erste EM-Titel für Österreich, das damals schon über eine große Boxtradition und klingende Namen verfügte: von Poldi Steinbach über Heinz Lazek, "die Fliege" Ernst Weiss bis hin zu Joschi Weidinger, dessen Schwergewichtskampf gegen den Franzosen Stephan Olek 1950 im Wiener Praterstadion 40.000 Zuschauer live miterlebten.

Es war eine andere Zeit, als der heute 72-jährige Orsolics, vom Burgenland nach Wien gezogen, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und auf der Straße bereits berühmt bis berüchtigt, als Jungspund erstmals den Boxring betrat und, zumindest während seiner Blütezeit, die Massen zu begeistern verstand. Aus den unterschiedlichsten Schichten strömten sie in die Hallen: "Da saßen Zuhälter neben Ministern, Liebesdienerinnen neben Hofräten, Intellektuelle neben Filmstars, und als der knapp 20-Jährige in seinem 13. Profikampf Europameister wurde, starb der Burgschauspieler Robert Lindner, der begnadete Anatol, vor Aufregung am Ring", schreibt Sigi Bergmann, selbst als Kommentator eine Legende und einer der wenigen, die sich Lebensfreunde Orsolics’ nennen dürfen, in dessen 2007 im Seifert-Verlag erschienener Biografie "Triumphe und Leiden eines Boxers".

Sein Leben: potschert und widersprüchlich

Boxkämpfe, das waren damals noch keine für Fernsehen und Livestream maßgeschneiderte Events wie heute - auch wenn der Siegeszug klappriger und noch großteils in Schwarz-Weiß sendender Bildschirme in die Wohnzimmer zwischen Boden- und Neusiedlersee jenen von Orsolics in die Herzen der Österreicher befeuerte -, bei denen das Ballyhoo im Vorfeld oft spektakulärer ist als das Geschehen zwischen den Seilen selbst. Anstatt verbaler Stellvertreterkriege samt Einschüchterungstaktik gab’s bei dem von einer religiösen Mutter erzogenen Orsolics das Kreuzzeichen, das musste genügen, ehe er sich, gezeichnet vom Leben, von den Schlägen und auch vom Alkohol, auch das abgewöhnte.