Der Mann muss wissen, wovon er spricht. Lange genug war er bei teaminternen Zwistigkeiten mittendrin statt nur am Rande dabei, jetzt kann er sich zurücklehnen und das Gezänk zwischen Sebastian Vettel und Charles Leclerc beobachten; erste Reihe fußfrei, als (dann doch nicht ganz) stiller Beobachter. "Sie nehmen sich gegenseitig Punkte weg, was für uns gut ist", sagt also Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff vor dem Grand Prix von Russland in Sotschi am Sonntag (13.10 Uhr MESZ) über die beiden Ferrari-Asse. Diese haben die jüngsten drei Rennen gewonnen, zwei Mal stand Leclerc ganz oben, einmal Vettel. Und wenngleich beide im Kampf um die Weltmeisterschaft mit Titelverteidiger Lewis Hamilton heuer wohl chancenlos sind, haben die Positionskämpfe für die kommende Saison zwischen ihnen längst begonnen.

Ausgerechnet nach dem Triumph am Sonntag, als der Deutsche den ersten Doppelsieg für die Scuderia seit 2017 angeführt hatte, herrschte in Singapur nämlich nicht nur aufgrund des Smogs dicke Luft, sondern auch ob der Teamstrategie, von der sich Leclerc um den Sieg betrogen gefühlt hatte. "Wenn zwei Alphatiere um die Position kämpfen, hat das immer Potenzial für eine Rivalität - und eine Eskalation im Team", analysiert Wolff.

Nicht nur sein eigener Toppilot Lewis Hamilton hat sich mit Nico Rosberg, dem Vorgänger seines jetzigen Teamkollegen Valtteri Bottas, so manches Scharmützel auf und abseits der Strecke geliefert, Ähnliches kennt man auch aus der Vergangenheit der Formel 1 zu gut: Schlag nach bei Alain Prost gegen Ayrton Senna, deren Duelle Ende der Achtzigerjahre heute noch als Mutter aller teaminternen Rivalitäten durchgehen. In der jüngeren Vergangenheit waren es oftmals Hamilton und Vettel, die sich mit ihren jeweiligen vermeintlichen Socii nicht ganz grün waren. Nun aber herrscht auch deswegen Alarmstufe Rot, weil Vettel in seinem fünften Ferrari-Jahr, in dem er nach wie vor vergeblich seinem ersten Titel mit dem Traditionsteam aus Maranello nachjagt, kaum interne Konkurrenz von Leclerc befürchtet hatte. Der 21-jährige Monegasse hatte zwar in den Nachwuchsklassen als großes Talent gegolten und dieses mit Teilerfolgen in seinem ersten Formel-1-Jahr bei Sauber schon unter Beweis gestellt. Dass er aber so schnell selbst zum Alphatier werden sollte, konnten wohl nur kühne Optimisten erahnen, als er das Cockpit mit Beginn dieser Saison mit dem sowohl bei Fans als auch bei Vettel beliebten Kimi Räikkönen, dem bisher letzten Ferrari-Weltmeister (2007), tauschte. Doch bald schon stellte sich heraus, dass es "dem heldenhaften Jungen", als den ihn die italienische Sportzeitung "Gazzetta dello Sport" beschreibt, ernst ist mit dem Ansinnen, einmal in die Fußstapfen von Ferrari-Größen von einst zu treten.

"Stärke, Intelligenz, Entschlossenheit"

Der Friede täuscht. Ayrton Senna (l.) und Alain Prost lieferten einander in den Achtzigern beinharte Duelle. - © APAweb / afp
Der Friede täuscht. Ayrton Senna (l.) und Alain Prost lieferten einander in den Achtzigern beinharte Duelle. - © APAweb / afp

Schon beim Saisonauftakt in Australien landete er als Fünfter nur aufgrund einer Teamorder hinter Vettel; danach kamen die Pole Position in Bahrain sowie aufgrund eines technischen Defekts der Rückfall auf Rang drei, weitere dritte Plätze in Kanada und Frankreich, ein Zweiter in Spielberg sowie die Siege in Spa und Monza. War sein Premierenerfolg noch vom Tod des Formel-2-Piloten Anthoine Hubert überschattet gewesen - der bei Leclerc Wunden aufriss, weil so nach Jules Bianchi 2015 ein weiterer Jugendfreund in Folge eines Rennunfalls gestorben war -, konnte er sich in Italien uneingeschränkt über den ersten Ferrari-Heimsieg seit 2010 freuen - und die Presse sich mit ihm. "Wenn sein süßer Blick, sein zartes Gesicht, durch den Helm verborgen sind, verwandelt er sich, wird zu einem Monster", meinte die Zeitung "Corriere della Serra" nicht ohne Pathos - und beschrieb Leclerc als "rücksichtslos im Einsatz seiner eigenen Waffen: Stärke, Intelligenz, Entschlossenheit."

Diese zeigte der dann auch zuletzt nach seinem zweiten Platz. Er wolle Erklärungen für die Strategie, sagte er in Richtung der Teamführung, was wiederum Vettel zum Konter animierte. Wenn jemand glaube, er sei größer als das Team, sei er auf dem Holzweg, meinte er sinngemäß. An diesem Tag hatte der um zwölf Jahre ältere Deutsche leicht reden. Nachdem er in Anbetracht eigener Fehler schon abgeschrieben gewesen war, feierte er in Singapur seine persönliche Renaissance. Mag sein, dass die guten Noten, die Vorzugsschüler Leclerc davor erhalten hatte, nicht nur das Interesse an der Formel 1, sondern auch den Ehrgeiz des (Alt-)Meisters erneut angestachelt haben. Dann wären alle Zwistigkeiten am Ende nicht mehr als Nichtigkeiten.