"Van der Poel! Van der Poel! Kann man es glauben? Man kann es nicht glauben! Das war der außergewöhnlichste Ausgang eines Radrennens, den ich je gesehen habe!" Der Mann am Eurosport-Mikrophon schnappte beinahe mehr nach Luft als jener, über den er sprach - jener, der soeben auf dem letzten halben Kilometer gestrampelt war, als ob es um nichts weniger als das nackte Überleben ginge. Das stand dann zwar glücklicherweise doch nicht zur Disposition, doch es war auch nicht wenig, um das es ging: um den seit 2001 ersten Sieg eines Niederländers beim Amstel Gold Race, das unter den traditionell radsportbegeisterten Niederländern einen traditionell hohen Stellenwert genießt. Und wenn man bedenkt, wie außer Atem der englischsprachige Eurosport-Kommentator war, kann man sich ungefähr vorstellen, was im Veranstalterland los war.

Was vielen niederländischen Stars seit 18 Jahren nicht gelungen war, vollbrachte nun der 24-jährige Mathieu van der Poel, und das in respekteinflößender Manier: Zuerst zog er die Verfolger Tritt um Tritt an die uneinholbar scheinenden Führenden Jakob Fuglsang und Julian Alaphilippe heran, im Schlusssprint hatte er schließlich noch die Kraft, die Routiniers zu überholen und damit die gesamte Straßen-Radsport-Elite zu düpieren. Denn Van der Poel, Fahrer des kleinen Corendon-Circus-Teams und davor eigentlich bekannt wie erfolgreich als Mountainbiker und Querfeldein-Fahrer, bestreitet erst seit heuer Straßenrennen auf der UCI-World-Tour. Der Sieg beim Amstel Gold Race datiert vom Frühling. Wenige Monate später, in denen Van der Poel weitere wichtige Siege und zuletzt jener bei der Tour of Britain gelangen, ist Van der Poel sogar einer der großen Favoriten beim WM-Straßenrennen am Sonntag in Yorkshire, wo er das erste Mal in dieser Disziplin in der Eliteklasse antritt. Bei den Junioren hatte er neben zweimal Gold im Cyclocross im Jahr 2013 auch auf der Straße triumphiert.

Stärke in den Beinen, eine klare Strategie im Kopf

Und das soll erst der Anfang gewesen sein. Im Idealfall könnte der Niederländer, der heuer schon Weltmeister im Querfeldein und Europameister auf dem Mountainbike wurde, im kommenden Jahr amtierender Weltmeister in drei Disziplinen sein und damit ein Kunststück schaffen, das bisher nur der Französin Pauline Ferrand-Prévot im Jahr 2015 gelungen ist.

Experten hegen keine Zweifel, dass der junge Mann, dessen französischer Großvater Raymond Poulidor, genannt "Poupou", ausgerechnet als prominentester Nicht-Sieger der Tour de France Geschichte schrieb - er war dreimal Zweiter und fünfmal Dritter -, das Potenzial dazu in den Beinen und die nötige Strategie im Kopf hat. "Er ist ein absolutes Super-Phänomen", sagt kein Geringerer als Eddy Merckx über ihn. Mountainbike-Star Nino Schuster wiederum meint, er habe "noch keinen Fahrer erlebt, der so antritt wie er. Er ist der derzeit beste Velofahrer der Welt." Die Lobeshymnen hört Van der Poel wohl, und ihm selbst fehlt auch nicht der Glaube. Dass er "einer der großen Favoriten" sein werde, dessen ist er sich bewusst, und er hat auch kein Problem damit. "Ich stimme dem zu", sagt er mit derselben Coolness, mit der er seine Konkurrenten heuer schon öfters ausgestochen hat. Schließlich sei diese Einschätzung nach dem Verlauf der bisherigen Straßensaison "nicht unlogisch" und ihm der hügelige Kurs über 285 Kilometer von Leeds nach Harrogate zudem "wie auf den Leib geschneidert". So etwas passiere einem auch nicht jedes Jahr, meint er und folgert: "Also muss ich meine Chance jetzt nützen."