Ob Tragen, Schlagen oder Dribbeln - im Gaelic Football (im Bild das Team US Liffré aus Rennes) ist fast alles erlaubt. - © apa/afp/Meyer
Ob Tragen, Schlagen oder Dribbeln - im Gaelic Football (im Bild das Team US Liffré aus Rennes) ist fast alles erlaubt. - © apa/afp/Meyer

Eine kleine Warnung an Besucher scheint angebracht. Nicht nur, weil der Ort des Geschehens, das Rudolf-Tonn-Stadion in Schwechat, wo am 19. Oktober die European Gaelic Football Championships abgehalten werden, eher nur umständlich zu erreichen ist. Es ist das Spiel selbst, das bei dem einen oder anderen interessierten Sportfan wiederholtes Kopfschütteln auslösen könnte. Gaelic Football ist sowohl Fisch wie Fleisch, eine chaotisch anmutende Mischung aus Handball, Fußball, Rugby und Hurling.

Tatsächlich kann der Spieler, wie es scheint, mit dem Ball - der nicht einmal einen normierten Umfang haben muss - nahezu alles anstellen: Ob Treten, Tragen, Dribbeln, Schlagen, Werfen oder Fausten - die Regeln geben das her. Regeln, die vor knapp 135 Jahren, an einem trüben Novembertag des Jahres 1884, im Zuge der Gründung der nationalen Gaelic Athletic Association (GAA) im mittelirischen Thurles aufgestellt wurden und bis heute mehr oder weniger gültig sind. Das Ziel des Spiels: 15 Spieler müssen den Ball im Tor des Gegners unterbringen: Landet die Kugel im Netz, gibt es drei Punkte (Goal), fliegt er über das Ungetüm hinweg, immerhin sogar einen Punkt.

"Trankopfer" nach dem Spiel

Dazwischen wird auf dem Rasen heftig gerangelt. In Wien werden es am Samstag nicht weniger als 700 Spielerinnen und Spieler aus ganz Europa sein, die sich in drei Kategorien (Senior, Intermediate, Junior) um den Kontinentaltitel matchen. Und die kommen beileibe nicht alle aus dem hohen Norden: Spanien (Madrid Harps) oder die Schweiz (Zurich Inneoin) sind in Wien ebenso vertreten wie Polen (Cumann Warszawa), Russland (Shamrocks) oder Titelverteidiger Amsterdam GAC.

Für Österreich stehen unter anderem die Vienna Gaels und Vienna Vipers (bei den Herren) sowie die Vienna Gaelettes und Gael Force (bei den Damen) am Start. An Erfahrung mit Großereignissen mangelt es nicht, war doch Wien bereits 2012 und 2015 Ausrichter des europaweiten Finales, wie die Championships auch genannt werden. Dabei haben die Organisatoren nicht nur für das sportliche Event fleißig geplant, sondern auch für den gesellschaftlichen Teil - inklusive abendliches Bankett mit Preisverleihung und anschließender Lokalrunde, wo etwa irische "Trankopfer" gebracht werden müssen.

Sie verstehen halt Spaß, die gälischen Kicker. Dies wird auch anhand der erwähnten Regeln deutlich, die etwa selbst dann ein Tor vorsehen können, wenn es zuvor durch einen unbeteiligten Dritten verhindert wurde. Dass, wie historisch verbürgt ist, betrunkene Zuschauer oder streunende Hunde so über Goal oder Nicht-Goal entscheiden können, gehört auch zu den legendären Geschichten des Gaelic Football.

Jenen politischen Stellenwert, den die irische Sportart vor mehr als hundert Jahren noch hatte, hat er freilich heute nicht mehr. Waren einst Protestanten oder in britischem Sold stehende Polizisten, Soldaten oder Beamte vom Kicken ausgeschlossen, präsentiert sich Gaelic Football im 21. Jahrhundert - wie auch die Championships in Wien zeigen - als völkerverbindender Sport. Wobei, so genau haben es selbst die Führer der irischen Unabhängigkeitsbewegung, als deren Speerspitze sich auch die GAA sah, nie genommen. Der Gründer der Republik, Éamon de Valera, zum Beispiel befand einmal, dass das als britisch verteufelte Rugby den irischen Charakter am besten zum Ausdruck bringe. Die irischen Gäste in Schwechat werden da wohl widersprechen. Und nicht nur sie.