Wenn der Ligachef anlässlich des Starts einer neuen Spielzeit betonen muss, dass es Zeit sei, "sich endlich wieder nur auf Basketball zu konzentrieren", dann spürt man, wie groß die Sorgen sein müssen. Adam Silver, bis vor kurzem noch allseits respektierter, ja gefeierter Commissioner der National Basketball Association (NBA), musste sich in den vergangenen Wochen so einiges anhören, und der Sport an sich hatte damit kaum zu tun. Mit nicht weniger als "Vergeltung" drohten ihm unverhohlen Kommentatoren des chinesischen Staatsfernsehens China Central Television und bezichtigten den gelernten Anwalt der Lüge. Sein angebliches Vergehen: Der 57-jährige NBA-Chef hatte amerikanische Medien wissen lassen, dass ihm Handlanger des Regimes in Peking die Entlassung von Daryl Morey nahegelegt hatten. Wie mittlerweile sattsam bekannt, hatte der General Manager der Houston Rockets Chinas Regierung jüngst per Twitter für ihre Rolle bei den Pro-Demokratie-Protesten in Hongkong gerügt.

Wiewohl Morey seinen Tweet umgehend löschte, hat die NBA seitdem quasi den Scherben auf. Wer glaubte, dass es mit ein paar so halbherzigen wie stupiden Entschuldigungen der NBA-Führung getan war, sah sich getäuscht. Weil China auf den Mini-Sturm im virtuellen Wasserglas so überzogen reagierte wie sonst nur Donald Trump, wenn er mit Fakten konfrontiert wird, steigerte sich die Debatte schnell ins Absurde - und schwappte in den USA während der Pre-Season-Games sogar in die Hallen über, sprich aufs Publikum. In Philadelphia wurden Fans, die sich erdreisteten, mittels T-Shirt und Gejohle auf das Demokratiedefizit in Hongkong hinzuweisen, von lokalen Sicherheitskräften abgeführt. In New York fanden sich derart viele Protestler, dass sich die NBA nicht traute, dem Gesuch Chinas nachzukommen, alles mundtot zu machen, was dem Image des Landes zuwiderlaufen könnte. Wie die Liga aber jetzt anlässlich des Anlaufens der regulären Saison wohl reagieren wird? Laut dem "Wall Street Journal" repräsentiert China für die NBA einen Vier-Milliarden-Dollar-Markt, und auf den verzichten wollen weder Funktionäre noch Spieler, Ein-Parteien-Staat hin, Menschenrechtsverletzungen her. Commissioner Silver selbst setzt auf Deeskalation, wünscht sich "neue Regeln im Umgang" - aber wie die aussehen sollen, weiß niemand. Ihre Pionierrolle als die fortschrittlichste der Big-Four-Ligen ist die NBA seit ihrem Kotau vor Pekings wirtschaftlicher Macht jedenfalls ein für allemal los. Rein sportlich besehen dürfte es heuer endlich wieder einmal spannend werden, die Dominanz der Golden State Warriors, die in den vergangenen fünf Jahren ebenso viele Male bis in die Finalserie kamen (drei Championate, zwei Vizemeistertitel), scheint nachhaltig gebrochen.