Lang konnte es ja nicht mehr dauern, und realistisch betrachtet war die Major League Baseball (MLB) längst überfällig. Ausgerechnet die Baseballer, die sich bis heute anmaßen, das amerikanischste aller amerikanischen Spiele zu spielen, waren im Gegensatz zu ihren Kollegen im Football und im Basketball von den Auswirkungen der Trump’schen Präsidentschaft bisher weitgehend verschont geblieben. Das Glück der Liga schien schlicht darin zu bestehen, dass sich der 72-jährige Ex-Reality-TV-Star nicht besonders für sie zu interessieren scheint. Nun leben wir aber im Jahr 2019, und da gilt mehr als je zuvor ein Credo, das der ehemalige republikanische Wahlstratege und nunmehrige Anti-Trumper Rick Wilson zum Titel seines Bestsellers gemacht hat: "Everything Trump touches dies" ("Alles, was Trump anfasst, stirbt").

Den jüngsten Beweis für diese These lieferten jetzt ein langjähriger Baseball-Schiedsrichter, der drohte, im Fall einer Amtsenthebung Trumps Menschen zu erschießen, und der Assistant General Manager der Houston Astros, der mit häuslicher Gewalt kein Problem zu haben scheint. Beide Storys kamen aus Sicht der MLB insofern zur Unzeit ans Licht, weil sie in den Tagen platzten, an dem die Liga ihr alljährliches Hochamt begeht: Seit Dienstag matchen sich die Washington Nationals mit den Astros um die World Series. Die Tatsache, dass es nach zwei von maximal sieben Begegnungen trotz Auswärts-Nachteil bereits 2:0 für die Männer aus der Hauptstadt steht - Game 1 endete 5:4, Game 2 12:3 zu ihren Gunsten -, führen angesichts der Nebengeräusche längst auch professionelle Kommentatoren nicht mehr nur auf die mangelnden Steherqualitäten der Texaner zurück.

Aber der Reihe nach: Am Mittwoch verkündete die MLB, dass sie eine offizielle Untersuchung gegen einen ihrer prominenteren, weil längstgedienten Schiedsrichter (Umpires im Fachjargon) eingeleitet hat. Einen Tag zuvor hatte Rob Drake, der seit 1999 auf Spielfeldern im ganzen Land arbeitet und deshalb nicht nur bei Baseball-Aficionados einen hohen Wiedererkennungswert hat, folgende Sätze auf Twitter abgesetzt: "Ich kaufe mir morgen ein AR-15-Sturmgewehr, weil wenn ihr MEINEN PRÄSIDENTEN absetzt, WERDET IHR EINEN NEUEN BÜRGERKRIEG BEKOMMEN!!!" Eine Botschaft ganz im Geiste von Herrn Drakes Idol, Rechtschreibfehler ("cival" statt "civil war") und "MAGA2020"-("Make-America-great-again"-)Hashtag inklusive.

Belästigungsfreie Kultur?

Auch wenn der 50-Jährige den Tweet kurze Zeit später löschte, war der Schaden angerichtet, für ihn persönlich wie für seine Arbeitgeber: Wie Journalisten herausfanden, neigt der Mann nicht nur zu Morddrohungen, sondern ist auch Anhänger des sogenannten QAnon-Kults, einer unter Trumps Wählern weit verbreiteten Verschwörungstheorie, die derart dämlich ist, dass es nicht wert ist, an dieser Stelle näher erläutert zu werden. Ein Einsatz des politisch extrem parteiischen Unparteiischen bei der World Series war zwar nicht vorgesehen, aber auch die Endspielserie selber blieb heuer nicht von einem Skandal verschont. Den Auslöser bildete Brandon Taubman, die rechte Hand von Astros-General Manager Jeff Luhnow. Kurz nach dem Triumph seiner Mannschaft im Kampf um die Krone in der American League hatte sich der 34-Jährige nach übereinstimmenden Zeugenaussagen so unprovoziert wie ungebeten vor drei weiblichen Reportern aufgebaut und sie angeschrien: "Gott sei Dank haben wir Osuna. Ich bin so verdammt glücklich, dass wir Osuna haben." Offenbar, um sicherzustellen, dass seine Sätze nur ja nicht ihre Wirkung verfehlen, wiederholte er sie, Zigarre in der einen Hand, Schampus in der anderen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Und . . . insgesamt sechs Mal. Nun ist die Sache freilich die, dass Houstons Closer Roberto Osuna an nämlichem Abend erstens keine Glanzleistung abgegeben hatte und zweitens alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist.

2018 hatte der Pitcher, der damals noch für Toronto Blue Jays arbeitete, die Mutter seines dreijährigen Sohns geschlagen, woraufhin ihn die Liga mit einer 75 Spiele lang dauernden Strafe belegte. Imagemäßig war Osuna seitdem unten durch - was die Astros nicht davon abhielt, ihn zum Schnäppchenpreis nach Houston zu holen. Die Reporterinnen, die Taubman anschrie, hatten zu jenen gehört, die diese Entscheidung damals kritisierten. Daran, wie ernst die Liga den Vorfall nimmt, ließ Commissioner Rob Manfred keinen Zweifel: "Ich bin ungeheuer besorgt über die unterschwellige Substanz dieses Verhaltens. Wir sind stolz darauf, in allen Aspekten unseres Geschäfts eine inklusive, belästigungsfreie Kultur zu pflegen. Das ist ein Grundwert des Baseball." Herr Taubman hat sich mittlerweile für sein Verhalten entschuldigt. Darüber, ob sich der entstandene Schaden dadurch gutmachen lässt und er seinen Job behalten darf, wird sich erst nach Ende der World Series entscheiden. Wenn die so weitergeht wie bisher, könnte das schon bald und historisch sein: Es wäre das erste Mal in der Geschichte, dass die Nationals den wichtigsten Titel im Baseball gewinnen.