Der Sieg in Indian Wells? Als erster Masters-1000-Triumph, noch dazu auf Hartplatz und im Finale gegen Roger Federer: Fantastisch für Dominic Thiem. Jener in Barcelona? Angesichts der Dominanz über Daniil Medwedew, einen der aufstrebenden Spieler der Saison und mittlerweile Nummer vier der Welt, aller Ehren wert. Jener in Kitzbühel? Sein erster Turniererfolg auf österreichischem Boden trotz der Tatsache, dass es sich um ein eher kleineres Turnier handelte: das Brechen eines Bannes. Und der Turniersieg in Peking Anfang Oktober? Auch der war ganz speziell, zumal Thiem davor einen kleinen Durchhänger und nicht gerade die besten Erinnerungen an seine vergangenen Asien-Tourneen hatte. Doch Wien ist dann doch noch ein bisschen anders, nicht nur, wenn man an die Marketing-Kampagne der Stadt denkt. In Wien hat Thiem bis zum heurigen Turnier zwar immer wieder große Spiele abgeliefert - 2011 etwa mit seinem Erstrundensieg über Thomas Muster oder 2013 mit seinem verloren gegangenen Dreisatzkampf gegen Jo-Wilfried Tsonga - doch seit jener Zeit, als er international zum Star geworden ist, seit jener Zeit also, in der beim größten Tennisturnier Österreichs auch Druck und Erwartungshaltung deutlich gestiegen sind, war es dem 26-Jährigen nicht wirklich gelungen, in der Stadthalle das Optimum herauszuholen. Doch nach zwei Viertelfinal-Teilnahmen überbot er das in dieser Woche nicht nur spielend, am Sonntagnachmittag durfte er den Pokal auch stolz seinem Heimpublikum präsentieren - als erst dritter Lokalmatador im Einzel, als erster seit Jürgen Melzers erfolgreicher Titelverteidigung 2011.

Arbeit auf höchstem Niveau

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Das Wechselbad der Gefühle, das Thiem durch seine bisherige Stadthallenkarriere und auch durch diese Turnierwoche begleitet hatte, spiegelte sich auch in jenem Finale gegen den Argentinier Diego Schwartzman wider, der den ersten Satz mit 6:3 gewann, auch im zweiten bis zum entscheidenden Break nicht locker ließ, sich in den finalen Durchgängen dann aber aufgrund des größer werdenden Drucks Thiems 4:6, 3:6 geschlagen geben musste. Mit der Bezeichnung "Arbeitssieg" war der Niederösterreicher dennoch nicht allzu glücklich. "Ich glaube, das wird dem nicht gerecht", sagte er nach dem Kräftemessen auf höchstem Niveau mit einem seiner besten Kumpels auf der Tour. "Ich bin sicher, du zahlst mir das irgendwann zurück."

"Halte das nicht ewig durch"

Vorher stehen für Thiem aber noch das Masters-1000-Turnier in dieser Woche in Paris-Bercy und vor allem das World-Tour-Finale in London ab 10. November auf dem Programm. Aus den Fehlern der Vergangenheit, als Thiem etwa nach seinem Kitzbühel-Sieg weiter auf Hochtouren laufen wollte, dann aber den Strapazen Tribut zollen musste, will er gelernt haben, ebenso wie er gelernt hat, mit dem Heimdruck umzugehen ("Ich bin froh, dass ich das verbessert habe"). Vor dem Turnier in Paris-Bercy, bei dem er im Vorjahr immerhin das Halbfinale erreicht hat und diesmal nach einem Erstrundenfreilos gleich zum Auftakt mit dem Kanadier Milos Raonic eine hohe Hürde zu bewältigen hat, setzt er sich keine allzu hohen Ziele. Erst müsse das Geschehene verarbeitet werden. "Ich muss ehrlich sagen, so, wie ich hier on fire war, das halte ich nicht ewig durch", sagte er. Wenngleich Roger Federer, der parallel zu Thiem sein Heimturnier in Basel gewann, für das vorletzte Saisonturnier überhaupt gleich abgesagt hat, ist die Konkurrenz hier traditionell stark. Rafael Nadal kämpft noch darum, Novak Djokovic vor der Saisonabschlussveranstaltung - deren Punkte schon diese Woche aus der Wertung fallen - als Nummer eins der Welt abzufangen; für andere Spieler wie Alexander Zverev, Matteo Berrettini sowie die dahinter platzierten Gaël Monfils, David Goffin, Fabio Fognini und Thiems unterlegenen Wien-Finalgegner Schwartzman geht es noch um ein mögliches Ticket für das Saisonfinale der besten Acht.

Zumindest dieses Ziel hat Thiem, der als Fünfter der Weltrangliste den Rückstand auf Medwedew auf 245 Punkte reduziert hat, abgehakt, zum vierten Mal ist er in London dabei. Und möglicherweise wird das noch nicht alles gewesen sein. Schließlich muss auch Wien noch nicht der krönende Abschluss einer fantastischen Saison gewesen sein.