Der Baseballgott ließ sie lange gewähren, aber dann schaute er herunter, und weil ihm offenbar nicht gefiel, was er sah, drehte er die Sache im letzten Moment doch noch um: Der World-Series-Champion der Saison 2018/19 heißt Washington Nationals. Die Männer aus der Hauptstadt schafften das fast Unmögliche, siegten im siebten von maximal sieben Spielen 6:2, und das vor einer Auswärtskulisse, die ihre Mannschaft, die Houston Astros, bis zum letzten Pitch anfeuerte, als ob es kein Morgen gäbe.

Umsonst. Erst zum zweiten Mal in der 116-jährigen Geschichte der Major League Baseball (MLB) kommt der Gewinner aus Washington-Stadt. Wie es soweit kommen konnte, darüber dürfte vermutlich noch lange spekuliert werden. Als am Mittwochabend Ortszeit im Minutemaid Park zu Houston der erste Pitch flog, stand es an Spielen drei zu drei Unentschieden, aber das Momentum – die Astros hatten die ersten zwei Spiele verloren, dann aber dreimal hintereinander gewonnen und Heimvorteil – schien klar auf der Seite der Texaner zu sein. Bis zum siebten Inning sah das auch tatsächlich alles sehr gut aus für die Schützlinge von Cheftrainer A. J. Hinch. Nichts deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass die Astros ihren bis dahin mühsam erarbeiteten 2:0 Vorsprung aus der Hand geben würden.

Insofern ist das, was dann passierte, vielleicht wirklich nur mit himmlischer Gewalt zu erklären. Ausgerechnet Roberto Osuna vergeigte die Show: jener Osuna, der im vergangenen Jahr nach Mexiko geflüchtet war, nachdem er seine Frau geschlagen hatte, von den Astros in der Folge zum Schnäppchenpreis erworben wurde und jetzt auch noch für das Karriereende von Assistent General Manager Brandon Taubman verantwortlich zeichnet. (Letzterer hatte es jüngst für nötig befunden, drei Journalistinnen in unangemessener Art und Weise den angeblichen Wert Osunas unter die Nase zu reiben. Entgegen ihrer Ankündigung, die Affäre erst nach dem Ende der Endspiel-Serie zu besprechen, hatten die Astros Taubman noch Anfang der Woche den Weg zur Tür gewiesen.)

Am Ende des siebten Innings hatten die Nationals die Oberhand gewonnen: Zuerst drosch Anthony Rendon einen missglückten Fastball von Astros-Star-Pitcher Zack Greinkes in die Ränge und stellte so den Anschluss her. Den Sack so richtig am falschen Ende zu machte aber Greinke-Ersatz Osuna. Nämlicher erlaubte dem erfahrenen Howie Kendrick, mit seinen 36 Jahren einer der älteren in einem mit Über-30-Jährigen nur so gespickten Team, gleich im Anschluss einen Home Run – und weil sich bereits einer von dessen Mitspielern auf dem ersten Base befand, lagen plötzlich die Nationals vorne. Der Rest war praktisch nur mehr Routine. Patrick Corbin und Closer Daniel Hudson ließen den restlichen Schlagmännern der Astros keine Chance und besiegelten so ein Ereignis von sporthistorischem Ausmaß.

"Der Traum ist wahr geworden"

Die erst seit 2005 in der National League unter diesem Namen auftretenden Nationals – sie entstanden seinerzeit quasi aus der Konkursmasse der glücklosen Montreal Expos –, traten in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in die Fußstapfen eines Teams, dessen Name rund sechs Jahrzehnte lang für Baseball in der Hauptstadt gestanden war. Die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Washington Senators gewannen die World Series 1924, stellten aber wegen mangelnden Erfolgs wie Zuschauerzuspruchs Anfang der Sechzigerjahre den Spielbetrieb ein.

Ein geflügeltes Wort, das Baseballfans damals in den Ohren klang, lautete: "Washington: First in war, first in peace, last in the American League" ("Erster im Krieg, erster im Frieden, letzter in der Liga"). Theodore "Ted" Lerner, der 94-jährige Besitzer der Nationals – seine Familie gilt als eine der reichsten der USA – war als Bub und als Jugendlicher regelmäßiger Tribünengast der Senators gewesen. Nach dem Spiel gab er zu, dass er nicht unbedingt daran geglaubt hätte, einen Triumph seiner Mannschaft in der World Series noch zu Lebzeiten feiern zu können, aber: "Der Traum ist wahr geworden."