Geht es nach Christian Taylor, soll die neue Initiative nicht in den Sand gesetzt werden. - © afp/Antonin Thuillier
Geht es nach Christian Taylor, soll die neue Initiative nicht in den Sand gesetzt werden. - © afp/Antonin Thuillier

Plötzlich ging alles ganz schnell. Am Mittwoch hatte der Leichtathletik-Weltverband, der sich jetzt World Athletics anstatt International Association of Athletics Federations nennt, weil man schließlich mit der Zeit gehen und Modernität suggerieren will, angekündigt, im kommenden Jahr acht Wettbewerbe - je vier bei Männern und Frauen - aus der Diamond League zu streichen. Auch das sollte ein Zeichen der Erneuerung sein, man will knackiger, fernseh- und damit zukunftsfit werden. Man verkaufe damit seine große Vergangenheit, urteilten stattdessen frühere und aktuelle Weltklasse-Athleten.

Zunächst rief der neunfache Olympiasieger Carl Lewis die Sportlerinnen und Sportler in einem emotionalen Twitter-Eintrag dazu auf, sich vom Weltverband abzuwenden und eine eigene Liga zu gründen, tags darauf sprang der zweifache Dreisprung-Olympiasieger Christian Taylor auf diesen Zug auf und rief die Athletics Association ins Leben. Unter dem Titel "Es ist Zeit für eine wirkliche Veränderung" und dem Hashtag #WeAreTheSport veröffentlichte er eine Stellungnahme, in der er schrieb, er sei es satt, "länger dazusitzen und stillzuhalten".

In der Leichtathletik gehe es "um Einheit und Vielfalt". Die Bewerbe zu trennen, wie es dem Weltverband mit den unterschiedlichen Serien vorschwebt - der Diamond League beziehungsweise der Continental Tour, auf der auch die für die oberste Liga gestrichenen Bewerbe wie Diskuswurf, 200-Meter-Lauf, Dreisprung und Hindernislauf ihren Platz finden sollen -, könne dem Sport daher nur schaden, meint Taylor. "Wir werden für die Rechte der Athleten kämpfen und ultimativ einen Platz am Tisch einfordern. Im Moment haben wir, die Athleten, keine Macht", so der US-Amerikaner, der damit eine Athletengewerkschaft gründete - vorerst einmal nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bis diese freilich tatsächlich die Idee von Lewis aufnimmt und eine eigene Wettbewerbstour initiiert, ist es freilich ein weiter Weg, von dem längst nicht klar ist, dass den letzten Schritt jemand zu gehen bereit ist. Denn wenngleich der Weltverband mitteilte, man habe absolut nichts dagegen - "je mehr Athleten sich in die Entscheidungen einbringen, um unseren Sport besser zu machen, desto besser wird er", ließ ein Sprecher wissen -, dürfte eine Rebellion der Athleten nicht unbedingt das sein, was die Leichtathletik-Granden kampflos hinnehmen wollen.

Vorbilder Tennis und Schwimmen

Schließlich sind die Zeiten auch so schon trist genug: Von der WM in Katar sind die Bilder von in der Hitze kollabierenden Athleten am eindringlichsten in Erinnerung geblieben, in Sachen Zuschauer- und Sponsoreninteresse stagniert die olympische Kernsportart, darüber hinaus werfen Doping- und Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Trainer beim umstrittenen und mittlerweile beendeten Nike Oregon Project, Alberto Salazar, einen dunklen Schatten über den Sport. Ausgerechnet am Freitag, dem Tag, an dem Taylor sein Manifest öffentlich machte, meldete sich die Mittelstreckenläuferin Mary Cain in einem Beitrag in der "New York Times" mit schweren Anschuldigungen gegen Salazar zu Wort. Nicht nur aufgrund der Streichung von Disziplinen sei es daher hochnot an der Zeit, den Sportlerinnen und Sportlern mehr Gehör zu schenken, urteilten die Kritiker des Weltverbandes prompt.

Nun gerät dieser also auch intern zunehmend unter Druck. Denn die Athleten haben nicht nur Argumente, sondern auch Vorbilder, wie die Durchsetzung eigener Interessen funktionieren kann. Carl Lewis nannte die US-amerikanische Tennis-Ikone Billie Jean King, die in den Siebzigerjahren mit der Gründung der Women’s Tennis Association das Damentennis revolutionierte und für ein Mehr an Geschlechtergerechtigkeit sorgte, als Beispiel.

Billie Jean King revolutionierte das Frauentennis. - © APAweb / afp / Getty, Mike Coppola
Billie Jean King revolutionierte das Frauentennis. - © APAweb / afp / Getty, Mike Coppola

Doch so weit muss man gar nicht zurückblicken. Erst dieses Jahr feierte die International Swimming League mit ihrem Aushängeschild Katinka Hosszú losgelöst vom Weltverband (und nach einem erfolgreichen juristischen Streit mit diesem) höchst erfolgreich Premiere; das Format, in dem Schwimmerinnen und Schwimmer in Teamwertungen mit- und gegeneinander antreten, sich das (üppige) Preisgeld gerecht unter Männern und Frauen aufteilen und TV-Verträge in neun Ländern haben, kam bei Fans wie Fernsehstationen gut an.

Anders als zu Billie Jean Kings Zeiten haben Sportler freilich heute auch mehr Möglichkeiten, alleine schon durch ihre Reichweite und Social-Media-Präsenz. Die Macht hätten die Sportler aber leichtfertig aus der Hand gegeben, meint Lewis. "Es ist Zeit, dass sie sie zurückerobern." Taylors Vorstoß ist ein erster, aber vielleicht entscheidender Schritt auf dem Weg auf die Barrikaden.

Katinka Hosszú forderte den Schwimm-Weltverband heraus - mit Erfolg. - © APAweb / afp, Oli Scarff
Katinka Hosszú forderte den Schwimm-Weltverband heraus - mit Erfolg. - © APAweb / afp, Oli Scarff