Matteo Berrettini hatte keine Chance. Und wenn man im Sport schon keine Chance hat, so will man die wenigstens nützen, heißt es oft. Doch auch das ist dem Italiener nicht gelungen. Bei seiner Premiere beim World-Tour-Finale im Tennis unterlag er Novak Djokovic am Sonntag glatt mit 2:6, 1:6. Warum das für Österreichs Nummer eins Dominic Thiem relevant ist? Zum einen kennt dieser solche Berrettini-Momente, wenn man trotz einer tollen Saison bei seiner World-Tour-Premiere von der Übermacht eines Top-Auftaktgegners sowie der beeindruckenden Atmosphäre in der Londoner O2-Arena beinahe erschlagen wird. Zum anderen weiß er nach Djokovics Auftaktgala, dass er es heute (21 Uhr/ServusTV) in seinem nächsten Spiel gegen den Serben mit einem in Topform befindlichen Gegner zu tun bekommt.

Das Gute freilich: Dasselbe kann man auch von ihm selbst behaupten. Denn bei seinem 7:5, 7:5-Erfolg über den Schweizer Altmeister Roger Federer präsentierte sich Thiem wieder in jener Form, in der er heuer schon fünf Turniere gewonnen hat. Es war für ihn selbst der erste Auftaktsieg in seinem vierten Versuch beim Saisonabschlussturnier der besten acht Spieler der Jahreswertung.

Es müsse "schon sehr viel zusammenpassen", dass man gegen Federer gewinnt, sagte der 26-Jährige danach und präzisierte: "Ich habe gut serviert, sehr gut retourniert und auch von hinten die meiste Zeit solide gespielt." Das wird freilich auch gegen den Weltranglistenzweiten Djokovic nötig sein, der alles daran setzen will, Rafael Nadal wieder vom Thron zu stürzen. Für Thiem ist Djokovic "derzeit der Beste", wie er sagt. "Das hat er auch in Bercy bewiesen, wo er nicht sein bestes Tennis gespielt und trotzdem irgendwie gewonnen hat." Anders als gegen Federer, gegen den er heuer den dritten Sieg gefeiert und insgesamt eine 5:2-Bilanz hat, liegt er gegen den Serben klar zurück. Zudem ist es ihm bisher noch nie gelungen, zwei der Big Three bei einem Turnier hintereinander zu schlagen. Das allerdings will der Niederösterreicher nicht überbewerten. "Ich glaube schon, dass es diesmal ein bisserl anders ist. Es ist ganz am Anfang von einem Turnier, es ist Best-of-Three, und ich habe einen Tag Pause. Ich werde sicher topausgeruht in das Spiel am Dienstag gehen."

Der Schweizer Roger Federer schlich nach seiner Niederlage gegen Thiem vom Platz. - © APAweb / afp, Adrian Dennis
Der Schweizer Roger Federer schlich nach seiner Niederlage gegen Thiem vom Platz. - © APAweb / afp, Adrian Dennis

Außerdem habe er nun den ersten Schritt auf dem Weg zu seinem vor dem Turnier ausgegebenen Ziel gemacht, mit einem zweiten wäre er fix im Semifinale. "Ich kann das jetzt natürlich fixieren, aber auf der anderen Seite: Wenn ich die Partie verliere, beginnt wieder das große Zittern, und dann geht es am Donnerstag wieder um alles." Dann nämlich spielt er selbst gegen Berrettini - und müsste tunlichst vermeiden, dass der zum Gruppenabschluss noch zu seinem tatsächlich großen Moment kommt.

Djokovic mit lobenden Worten für Thiem

So weit will der Österreicher allerdings noch nicht denken, das nächste Spiel ist das Wichtigste. "Ich muss so wie gegen Federer vom ersten Punkt an voll da sein, wenn ich eine Chance haben will." Auftrieb gibt ihm dabei nicht nur der positive Turnierstart, sondern auch die Erinnerung an das bisher letzte Aufeinandertreffen mit dem 16-fachen Grand-Slam-Sieger. Bei den French Open in Paris setzte sich Thiem auf seinem Weg ins Finale in fünf dramatischen Sätzen gegen Djokovic durch. Zwar gibt die Partie auf Sand und im Freien nur wenig Aufschluss für die gänzlich anderen Voraussetzungen in London, dennoch ist auch der Serbe gewarnt.

An Thiem schätze er "seine Hingabe, seine Professionalität und seine Arbeitseinstellung", sagte Djokovic - "und außerdem ist er ein wirklich netter Kerl". Das freilich sagt man auch über Matteo Berrettini. Rücksicht darauf nehmen konnte beziehungsweise kann weder Djokovic noch am Donnerstag Thiem. Doch geht es nach ihm, soll dieses Spiel ohnehin nicht aufstiegsentscheidend sein. (art/apa)