Es gibt einen Tennisspieler, dessen Erfolge stets als Referenzpunkte für Dominic Thiem herhalten müssen. Oder andersherum: an dem sich Thiem stets messen lassen muss. Thomas Muster heißt der Mann, er ist bis heute Österreichs einziger Grand-Slam-Sieger im Herreneinzel, bis 2016 war er auch der Einzige, der das Saisonabschlussturnier der besten acht Spieler der Saison im Einzel erreicht hatte. Doch seit der Nacht auf Mittwoch ist Thiem Muster in (zumindest) einer Hinsicht schon voraus: Mit dem Erreichen des Semifinales in London hat er die Ausbeute des Steirers, der bei drei beziehungsweise vier Antritten (einmal kam er als Ersatzmann gar nicht zum Einsatz) nie über die Gruppenphase hinausgekommen war, übertroffen.

Das 7:5, 7:5 über Roger Federer zum Auftakt der Gruppe "Björn Borg" sowie das darauffolgende 6:7, 6:3, 7:6 über Novak Djokovic machten den 26-jährigen Niederösterreicher schon vor dem letzten Gruppenspiel am heutigen Donnerstag (15 Uhr) gegen den Italiener Matteo Berrettini nicht nur zum Teilnehmer der Runde der besten Vier, sondern sogar vorzeitig zum Gruppensieger. Die beiden Topstars Federer und Djoković ermitteln im Abendspiel den zweiten Aufsteiger aus dieser Gruppe, während Thiem schon den einen oder anderen Seitenblick auf seine möglichen Halbfinalgegner werfen kann. Abgesehen von Rafael Nadal hat er gegen alle Spieler der Gruppe "Andre Agassi" - den Griechen Stefanos Tsitsipas, den Deutschen Sascha Zverev sowie den Russen Daniil Medwedew - eine positive Bilanz in den direkten Duellen.

Julian Knowle (r.) ist der bisher einzige Österreicher, der beim Saison- abschlussturnier das Finale erreicht hat. 2007 gelang ihm das im Doppel mit Simon Aspelin. - © afp/Mark Ralston
Julian Knowle (r.) ist der bisher einzige Österreicher, der beim Saison- abschlussturnier das Finale erreicht hat. 2007 gelang ihm das im Doppel mit Simon Aspelin. - © afp/Mark Ralston

Julian Knowle ist
die nächste Referenzgröße

Das erstmalige Erreichen des Semifinales war Thiems erklärtes Ziel vor dem Turnier - doch wenngleich das im Einzel noch keinem Österreicher vor ihm, nicht einmal Muster, gelungen war, ist es keine rot-weiß-rote Premiere beim World-Tour-Finale vulgo Masters. 2013 stand Alexander Peya im Doppel mit dem Brasilianer Bruno Soares in der Vorschlussrunde, als nächster Referenzpunkt dient für Thiem nun aber Julian Knowle. Der erst kürzlich vom aktiven Sport zurückgetretene Doppelspezialist, der aktuell als Coach Dennis Novaks, der zuletzt deutlich am aufsteigenden Ast befindlichen heimischen Nummer zwei, fungiert, stand vor zwölf Jahren am damaligen Schauplatz Shanghai mit seinem schwedischen Langzeitpartner Simon Aspelin sogar im Finale, wo die US-Open-Sieger derselben Saison gegen Mark Knowles/Daniel Nestor verloren.

Luxus, den sich weder Federer noch Djokovic leisten kann

Es war dennoch eine Sternstunde des heimischen Tennis, der nicht zuletzt Thiem schon viele weitere hat folgen lassen. Eine solche ist freilich auch schon jetzt dieses Turnier. Ungeachtet des weiteren Verlaufs hat Thiem 400 Zähler für die Weltrangliste sicher, für einen dritten Sieg in der Gruppe gäbe es weitere 200. Die würde er schon noch gerne mitnehmen, auch wenn er als erster Fixstarter im Halbfinale natürlich auch nicht bis an die Grenzen gehen muss. "Ich werde auf jeden Fall alles geben am Donnerstag. Das ist ganz klar. Wenn ich die 200 Punkte noch mache, dann bleiben die das ganze Jahr stehen", sagt Thiem zur Austria Presse-Agentur. Allerdings ist der Weltranglistenfünfte froh, keinen Qualifikationsdruck für das Semifinale mehr zu haben. "Das Match hat sehr viel Kraft gekostet, das heißt, wenn es möglich ist, werde ich nicht noch einmal 2:45 Stunden spielen. Ich werde auch schon ein bisserl das Auge auf dem Halbfinale haben." Es ist ein Luxus, den sich weder damals Thomas Muster leisten konnte, noch den Federer und Djoković im abendlichen Showdown haben.