Der 1. Juni 2019 war ein historischer Tag für die Boxwelt. Im New Yorker Madison Square Garden trat an diesem Abend Anthony Joshua gegen den relativ unbekannten Andy Ruiz Jr. an. Joshua, der auch der weniger Box-interessierten Öffentlichkeit durch seinen eineinhalb Jahre davor errungenen Sieg gegen Wladimir Klitschko ein Begriff geworden war, hielt vor diesem Duell drei der vier wichtigen Weltmeistertitel (WBA, WBO, IBF) im Schwergewicht und ging als klarer Favorit in diese Auseinandersetzung. In der dritten Runde konnte er diese Favoritenstellung auch untermauern und schickte Ruiz, der bis dahin noch nie gegen einen absoluten Top-Gegner angetreten war, mit einem linken Haken auf die Bretter.

Doch noch in derselben Minute schaffte der US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln den direkten Konter und zwang wiederum den Briten auf die Knie, keine 60 Sekunden danach ein weiteres Mal. Nach vergleichsweise ruhigen Runden im Anschluss sollte mit Runde sieben die alles entscheidende folgen. Mit einem Schlaghagel deckte das "Little fat kid", so die Selbstzuschreibung von Ruiz, den amtierenden Weltmeister dermaßen intensiv ein, dass "AJ" erneut doppelt auf die Matte musste, ehe der Schiedsrichter ihn aus dem Kampf nahm und er damit seine erste Niederlage nach 22 Siegen kassierte. Die für viele größte Sensation im Schwergewicht seit dem Sieg von James "Buster" Douglas gegen Mike Tyson im Jahr 1990 war perfekt.

Nun kommt es am Samstag im saudi-arabischen Diriyya zum Rückkampf (21.45 Uhr/Dazn). Die Vorzeichen sind nicht viel anders als vor dem ersten Duell, auch diesmal steigt Joshua als Favorit in den Ring, jedoch als Herausforderer und Goldgürtelloser. "Bei der mentalen Vorbereitung haben wir nicht viel anders gemacht", sagt Joshua im Vorfeld des Kampfs. "Ich bin ein Champion. Ich ging in das Gym, und drei Jahre danach war ich Olympiasieger (Anmerkung: 2012 in London). Ich habe nun zwar einen Kampf verloren, aber ich bin nicht über Nacht zu einem Waschlappen geworden, der nicht mehr bereit ist zu kämpfen." Aber auch sein Gegner, das "kleine dicke Weltmeister-Kind" aus Imperial, Kalifornien ist bereit für den Kampf. Er hat in der Vorbereitung einige Kilo abgenommen: "Hauptsächlich wollte ich einfach trainieren, aktiv bleiben und mich richtig ernähren. Jetzt fühle ich mich stark und schnell. Aber nun muss ich um einiges mehr beweisen als beim ersten Kampf. Viele Leute haben gesagt, dass es sich nur um einen Glückstreffer gehandelt hat, der mich gewinnen ließ, aber das stimmt nicht, denn ich arbeitete so hart für diese Chance." Nicht ganz uneigennützig glaubt WBC-Weltmeister Deontay Wilder an einen erneuten Ruiz-Sieg. Er sieht ihn diesmal erneut stärker und rechnet sich bessere Chancen aus, dass in einem folgenden Kampf alle vier Titel der großen Weltverbände vereint werden können.

Kritik an den Machthabern
in Saudi-Arabien

Von einer Ansetzung Wilder gegen Joshua war bereits mehrfach die Rede, zustande gekommen ist sie allerdings nie. Wenn man die Fakten genauer ansieht, dann liegen aber die zentralen Vorteile beim Briten. Joshua ist mit 1,98 um zehn Zentimeter größer als Ruiz und hat mit 2,08 eine um 20 Zentimeter größere Reichweite. Auch die K.o.-Quote entscheidet er klar für sich. Mehr als 91 Prozent seiner Kämpfe konnte er vorzeitig beenden, sein Gegner hingegen nur knapp 65 Prozent. Im Vorprogramm des Abends treten ebenfalls keine Nobodys an: So trifft der ehemalige Schwergewichtsweltmeister der WBA, der Russe Alexander Powetkin, auf den US-Amerikaner Michael Hunter. Und der aufstrebende und noch unbesiegte Kroate Filip Hrgovic hofft auf einen weiteren Sieg gegen den Box-Oldie Eric Molina aus den USA.

Doch abseits des Sports bringt die Veranstaltung auch eine negative Schlagseite mit sich. Amnesty International übte im Vorfeld Kritik an Saudi-Arabien. Die Machthaber versuchen, diesen Abend - unter "Clash of the Dunes" vermarktet - als positive Image-Korrektur für ihren rigiden islamischen Gottesstaat zu nutzen. Allerdings ändert das nichts an den Menschenrechtsverletzungen im größten Land der arabischen Halbinsel, so die NGO.