Die Überraschung sollte sich in Grenzen halten. Und doch ist es das sichtbare Zeichen einer Entwicklung, die den globalen Sport nachhaltig verändern könnte, wie Simon Chadwick, Professor an der Salford Business School, glaubt. Jedenfalls steigt am Samstagabend der WM-Schwergewichtskampf zwischen Andy Ruiz und Anthony Joshua (ab 21.45 Uhr/Dazn) in Diriyya, einem Vorort Riads, der Hauptstadt Saudi-Arabiens - und dieses damit mit einem lauten Gong ins Bieten um die größten Sportveranstaltungen der Welt in den Ring.

Standen in den vergangenen Jahren vor allem die Investitionen der kleineren Nachbarn Katar - mit dem vieldiskutierten Höhepunkt der Fußball-WM 2022 - sowie der Vereinigten Arabischen Emirate im Rampenlicht, markiert nun also auch Saudi-Arabien sein Revier auf der sportpolitischen Landkarte. Für Chadwick ist dies angesichts der Größe und des Reichtums des streng islamischen Königreichs - es ist sowohl flächenmäßig als auch von der Einwohnerzahl her das mit Abstand größte Land auf der arabischen Halbinsel und liegt beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit rund um Platz 15 - nur konsequent, könnte aber weite Kreise ziehen. "Das steigert die Erwartungen an das, was es braucht, um sich überhaupt zu bewerben und Sportveranstaltungen zu organisieren", sagt der Wissenschafter.

- © M. Schmitt
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Wenngleich der Boxkampf, für den nahe der Stätte des früheren Königspalastes in Windeseile eine hochmoderne, 15.000 Zuschauer fassende Arena errichtet wurde, von den Organisatoren als "größte Sportveranstaltung in der Geschichte des Landes" angepriesen wird, hat es Schritte in diese Richtung schon länger gegeben. Im November fand das erste Rennen der Formel-E-Saison in Saudi-Arabien statt, der italienische Fußball-Supercup steigt hier schon zum zweiten Mal, bald sind auch die spanischen Kicker sowie Tennis-Stars zu Gast. Selbst einmal Olympia auszurichten oder eine Fußball-WM, womit man mit dem verfeindeten Katar gleichziehen könnte, sind Visionen, die die Machthaber unabhängig von kleinen Rückschlägen wie der Absage Tiger Woods’ für ein Golfturnier Ende Jänner verfolgen. Zu Gast bei Freunden, wie dies in anderen Fällen anlässlich von Sportgroßveranstaltungen schon geheißen hat, gilt hier freilich längst nicht für alle. Saudi-Arabien steht wegen Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung Andersdenkender massiv in der Kritik, es gelten die Scharia und strenge Restriktionen für Frauen. Dazu hat die Ermordung des kritischen Journalisten Jamal Khashoggi den Staat im vergangenen Jahr international unter Druck gebracht.

Dem absolutistisch regierenden Königshaus freilich ist daran gelegen, dieses Image aufzubessern. Mit der "Vision 2030" verfolgt man ehrgeizige Projekte, um das Land als weltoffen, liberal und modern zu präsentieren - so soll der Tourismus gefördert und Saudi-Arabien unabhängiger von den Erdölressourcen gemacht werden. Noch sprudelt das Öl - und parallel dazu das Geld für teure Prestigeveranstaltungen. Der Box-WM-Kampf ist dabei zwar nicht der Anfang, aber ein Beispiel mit Gong-Effekt.

Andy Ruiz verteidigt seine Gürtel. - © APAweb / afp, Fayez Nureldine
Andy Ruiz verteidigt seine Gürtel. - © APAweb / afp, Fayez Nureldine