Am Ende blieb dem Exekutivkomitee der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gar nichts anderes übrig, als Russland erneut für vier Jahre aus dem internationalen Sport zu verbannen. Zu erdrückend waren die Beweise für Manipulationen von Daten aus dem Moskauer Doping-Kontrolllabor, die die Prüfkommission festgestellt hatte, zu eindeutig nicht erfüllt damit die Auflagen, die erst vor knapp mehr als einem Jahr verhängt worden waren und die nach dem Staatsdoping-Skandal vorläufig zur Wiedereingliederung geführt hatten. Am Montag wurde daher das erwartete Urteil gesprochen: Weitere vier Jahre Sperre für Russland, das bedeutet einerseits einen Ausschluss von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften für den Zeitraum bis 2022, andererseits die Tatsache, dass Russland in diesem Zeitraum keine Großveranstaltungen ausrichten darf.

"Russland wurde jede Möglichkeit eingeräumt, sein Haus wieder in Ordnung zu bekommen und zugunsten seiner Athleten und der Integrität des Sports wieder der globalen Anti-Doping-Familie beizutreten", sagte Craig Reedie, der im Jänner aus dem Amt scheidende Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur. "Aber man hat sich entschieden, bei der Haltung der Täuschung und Verleugnung zu bleiben." Daher habe das Exekutivkomitee "mit den strengstmöglichen Maßnahmen" reagiert, so Reedie.

Doch so streng, wie diese auf den ersten Blick wirken, sind sie dann doch wieder nicht. Denn zum einen wird noch zu klären sein, welche Großveranstaltungen tatsächlich gemeint sind – schon im Vorfeld der endgültigen Entscheidung hatte die Wada durchklingen lassen, dass die in Russland geplanten Spiele der paneuropäischen Fußball-EM 2020 nicht betroffen sind. Zum anderen wird Sportlern, die nicht unter Dopingverdacht stehen und die nachweisen können, an den inkriminierten Manipulationen nicht beteiligt gewesen zu sein, wie schon in Pyeongchang 2018 die Möglichkeit eingeräumt, unter neutraler Flagge zu starten.

Österreichs Anti-Doping-Agentur sieht noch offene Fragen

Das bedeutet zwar, dass sie auf die russische Fahne und Hymne verzichten müssen, dadurch aber nicht zwingend auf die Teilnahme an Olympischen Spielen oder Veranstaltungen wie der Fußball-WM 2022 in Katar. Bei Olympia in Pyeongchang etwa waren 168 russische Sportler unter der Bezeichnung "Olympic Athletes from Russia" dabei; mit zwei Gold-, sechs Silber- und neun Bronzemedaillen belegten sie Rang 13 im Medaillenspiegel.

Die Möglichkeit, als "neutrale Athleten" an Olympischen Wettkämpfen teilzunehmen, geht auf die frühen Neunzigerjahre zurück und hatte bisher stets politische Gründe. 1992 gingen insgesamt 58 Sportler aus dem ehemaligen Jugoslawien, das unter UN-Bann stand, bei den Sommerspielen in Barcelona an den Start; auch bei darauffolgenden Spielen gab es immer wieder - vereinzelt - Teilnehmer aus Ländern, deren Status nicht gänzlich geklärt war oder deren nationale olympische Komitees suspendiert waren.

Im aktuellen Fall sei es der Wada bei aller Härte "gegen die Verantwortlichen" darum gegangen, "die Rechte sauberer Athleten zu schützen", sagte Reedie über die nunmehrige Entscheidung, die auch in Österreich wohlwollend aufgenommen wurde. Wichtig werde nun aber sein, dass schnell "klare und transparente Kriterien aufgestellt werden, wie die Vorgaben erfüllt werden können, beispielsweise in Bezug auf die Zulassung russischer Sportler unter neutraler Flagge und welche Großveranstaltungen konkret betroffen sind", betonte Michael Cepic, der Chef der Nationalen Anti-Doping-Agentur.

Unterschiedlich fielen auch die Reaktionen in Russland selbst aus. Während die Politik eine Kampagne ortet, die man vor dem Internationalen Sportgerichtshof bekämpfen wolle, äußerte die suspendierte russische Anti-Doping-Agentur Rusada Selbstkritik. Es sei Zeit für eine Änderung der Kultur im Land, meinte Rusada-Vizechefin Margarita Pachnozkaja. Nach dem neuerlichen Urteil wird auch Russland nicht viel anderes übrig bleiben.