Es ist gerade einmal ein halbes Jahr her, da saßen Russlands Präsident Wladimir Putin und Gianni Infantino, seines Zeichens Chef des Fußball-Weltverbandes Fifa, in trauter Eintracht im Kreml beisammen. Putin überreichte Infantino für seine Verdienste um sein Land den Freundschaftsorden, Infantino bedankte sich mit wiederholten Lobhudeleien auf das WM-Turnier, das im Sommer 2018 im größten Land der Erde stattgefunden hatte. Gute Freunde kann eben nichts und niemand trennen - nicht die Menschenrechtsverletzungen, die im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt hatten, nicht die Doping-Vorwürfe, die den russischen Sport beziehungsweise den Staat schon lange erschüttert und, beharrlich totgeschwiegen von Infantino, Putin und Co., auch den Fußball erreicht hatten.

Es ist unwahrscheinlich, dass die neuerlichen Sanktionen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die Russland wegen der dreisten Manipulationen von Labordaten und also eines klaren Verstoßes gegen die Bewährungsauflagen zu einem vierjährigen Ausschluss aus dem internationalen Sportgeschehen verdonnert hatte, daran etwas ändern werden - obwohl die Fifa anders als die europäische Fußball-Konföderation Uefa zu den Unterzeichnern des jüngsten Wada-Kodex’ zählt. In diesem verpflichten sich die Verbände, den Urteilen der weltweiten Anti-Doping-Jäger Rechnung zu tragen.

...und ein halbes Jahr später im Kreml. - © afp, Yuri Kadobnov
...und ein halbes Jahr später im Kreml. - © afp, Yuri Kadobnov

Während die Uefa also formal kein Problem damit hat, vier Spiele der EM 2020 sowie das Finale der Champions League 2021 in St.Petersburg auszutragen - laut Wada handelt es sich nicht um "Major Sports Events", sondern lediglich um "regionale/kontinentale Sportereignisse" -, ist die Sache bei der Fußball-WM schon etwas kniffliger. Doch der Weltsport wird dasselbe Schlupfloch finden, durch das beispielsweise schon die russischen Eishockey-Spieler zu den Olympischen Spielen 2018 und dort zum für ihr Land prestigeträchtigsten Titelgewinn gerutscht sind: Sie werden als "neutrale Sportler" antreten, auf die Fahne und das Abspielen der Hymne verzichten, diese aber gegebenenfalls einfach mit mitgereisten Fans grölen. An die Ereignisse von den Winterspielen 2018 erinnerte auch die "Süddeutsche Zeitung": "Die Farce von Pyeongchang dokumentierte eindrucksvoll: Das angeblich so hart bestrafte Russland war mitten drin bei diesen Spielen." Angesichts der zu erwartenden Wiederholung der Ereignisse schrieb die Zeitung von einer "wachsweichen Entscheidung", die "eher einem erweiterten Wimpelverbot" gleichkäme.

WM-Qualifikation nicht betroffen

Noch wollte die Fifa keine Auskunft über das weitere Vorgehen bezüglich der WM 2022 in Katar geben. Zum einen kann Russland binnen einer insgesamt 21-tägigen Frist noch Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof einlegen, zum anderen muss sich Russland ja zuerst einmal sportlich qualifizieren. Darin sieht Jonathan Taylor, der Leiter jener Kommission, die der Exekutive die als härtestmöglich gepriesene Strafe vorgeschlagen hat, jedenfalls kein Problem, ihm zufolge könnte Russland regulär, also sogar mit Hymne, Flagge und Wimpeln, an der Ausscheidung teilnehmen. "Weil die Qualifikation nicht über den Weltmeister entscheidet, können sie starten. Die Entscheidung betrifft nur die WM, dort wird über den Weltmeister entschieden", sagte er zur BBC. Dort wiederum braucht es halt dann neue Dressen, doch das sollte das geringste Problem darstellen. Mit dieser Entscheidung wird auch Gianni Infantino gut leben können. Und sollte es bezüglich Olympia offene Fragen zu Russland geben, wird er ebenfalls zur Verfügung stehen. Der Putin in aller Freundschaft verbundene Fußball-Chef wird im Jänner offiziell zum IOC-Mitglied ernannt.