Der lange Arm der russischen Sportpolitik zeigt sich auch dann, wenn er eigentlich ausgehebelt werden sollte. So oder so ähnlich kann man den Einspruch der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) gegen das Urteil der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vom 9. Dezember, wonach das größte Land der Welt für die Dauer von vier Jahren nicht offiziell bei sportlichen Großveranstaltungen dabei sein darf, interpretieren. Die Rusada legte am Donnerstag fristgerecht Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ein. Davor hatte ihr Chef die Sanktionen allerdings noch - mehr oder weniger - für gerechtfertigt erklärt.

Wenige Tage vor dem Urteil, das vor allem den Stolz der großen Sportnation getroffen hatte und weniger die Athleten, die bei Nicht-Beteiligung in den Staatsdoping-Skandal unter neutraler Flagge an Bewerben teilnehmen dürfen, war Rusada-Chef Juri Ganus noch mit kritischen Worten an der Führung zitiert worden: "Insgesamt läuft so einiges faul", hatte er gegenüber Medien gesagt und den Austausch von Sportfunktionären, mehr Unterstützung seitens der Politik für den Kampf gegen Doping sowie einen Kulturwandel gefordert. Die Manipulationen von Labordaten, derentwegen die neuerlichen Sanktionen erfolgt waren, hatte er bestätigt: "Es hat sie ganz klar gegeben."

Nun erfolgte offenbar ein Zurückrudern. Schließlich hat die Politik des Landes mehrfach einen Einspruch, ja sogar eine Klage gegen das Urteil gefordert. Auch in seiner Jahresansprache am Donnerstag verdeutlichte Präsident Wladimir Putin noch einmal, dass er die Strafe für "ungerecht" halte. Russland werde für ein und dasselbe Vergehen mehrfach bestraft, sagte er. "Jede Bestrafung sollte individuell erfolgen."

In der Praxis ändert sich wenig

Tatsächlich war das neuerliche Urteil eine direkte Folge eines früheren Skandals. Nachdem Russland schon seit 2015 vom Sport - mit Abstrichen - ausgeschlossen war, hob die Wada die Sanktionen im Herbst des vergangenen Jahres auf - mit der Auflage, dass Moskau fehlende Labordaten aus dem Moskauer Kontrolllabor übermitteln müsse. Dies erfolgte nicht nur verspätet, es stellte sich bei einer neuerlichen Überprüfung auch heraus, dass hunderte Daten gefälscht worden waren.

Nichtsdestotrotz wird sich vorerst in der Praxis wenig ändern. Obwohl Russland bis 2023 im Prinzip weder sportliche Großveranstaltungen ausrichten, noch an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen teilnehmen darf, hat die Wada dem Land reichlich Hintertüren geboten. Weil etwa eine Verschiebung der für Februar in Sotschi geplanten Rodel-WM zeitlich und logistisch nicht machbar wäre, wird sie dort stattfinden, wie der Weltverband bestätigte. Weil europäische Fußballbewerbe laut Wada nicht zu "Major Sports Events" zählen (und die Uefa nicht einmal den Wada-Code unterzeichnet hat), werden auch vier Spiele der paneuropäischen EM 2020 sowie das Champions-League-Finale 2021 in Russland ausgetragen. Weil Russland einer der wichtigsten Märkte ist, will auch der Eishockey-Weltverband seine WM 2023 dort ausrichten. Und weil man Sportlern, denen keine Verwicklung in den Skandal nachgewiesen werden kann, nur schwer eine Teilnahme verbieten kann, dürfen solche Athleten weiterhin auf jeder Bühne, die sich ihnen bietet, auftreten - sie müssen nur auf die Hymne und die Bezeichnung als "Team Russland" verzichten.

Moskau ist dies allerdings zu wenig. Nun ist der Internationale Sportgerichtshof am Zug.