Die Hauptrunde der EM hat noch nicht begonnen, aber Österreich hat bereits zwei Punkte auf dem Konto und liegt vor Handball-Großmacht Deutschland. Grund dafür ist, dass allfällige Punkte gegen den Mitaufsteiger aus der Vorrunde mitgenommen werden, im Fall von Österreich und der Gruppe B ist das Tschechien, das sich den Gastgebern beugen musste.

Ab Donnerstag trifft Österreich im Zwei-Tages-Rhythmus in Wien auf Kroatien (18.15 Uhr), Spanien (Samstag, 18.15 Uhr), Deutschland (Montag, 20.30 Uhr) und Weißrussland (18.15 Uhr). Zu diesen vier Gegnern kommt wohl ein weiterer hinzu: die Müdigkeit.

Denn ein Unterschied zu den kommenden Kontrahenten, vor allem den ersten drei, ist das Leistungsgefälle in der österreichischen Mannschaft. Es ist stärker ausgeprägt als bei den großen Nationen. Erst in der zweiten Hälfte gegen Nordmazedonien konnte Teamchef Ales Pajovic seinen Stammspielern eine kleine Pause gönnen. Wobei diese ja gar nicht auf die Bank wollten, sondern den Rausch des Spiels genießen.

Das 32:28 gegen Nordmazedonien war wohl die beste Leistung der Nationalmannschaft seit Jahren. Von der Torhüter-Position, wo Thomas Eichberger wieder einen herausragenden Tag hatte, bis zum Angriff war das gesamte Team dem Maximum nahe. Erst als Pajovic den Stammspielern eine (Zwangs-)Pause verordnete, ging die Qualität etwas zurück, und der Vorsprung schrumpfte von zwischenzeitlich elf Toren auf vier. Die Partie war aber natürlich schon längst gelaufen.

Die Kroaten, Spanier und Deutschen haben einen deutlich breiteren Kader und setzten diesen auch ein. Die beiden Stars des ersten Gegners am Donnerstag, Domagoj Duvnjak, Teamkollege von Nikola Bilyk beim THW Kiel, und Luka Cindric vom FC Barcelona, standen in der Vorrunde nur jeweils etwas mehr als eine halbe Stunde pro Spiel auf dem Feld. Bei Österreichs Rückraumwerfern Nikola Bilyk und Janko Bozovic waren es im Vergleich etwa 50Minuten pro Spiel.

Damit ist es nun vorbei, und das ist die bittere Note des Erfolgs. Teamchef Ales Pajovic kündigte nach der Vorrunde an, dass er ab der Hauptrunde mehr durchwechseln werde. Das große Ziel war die Hauptrunde, diesem wurde alles untergeordnet, etwa auch das Thema Kraftsparen. Die Kroaten und Spanier hatten von Beginn an ein anderes Ziel, nämlich das Halbfinale. Dafür investierten sie.

"Die eine oder andere Überraschung ist drin"

Dennoch ließ die Leistung gegen Nordmazedonien die Fantasie ein wenig fliegen. Realistischerweise wird es nur gegen Weißrussland etwas zu holen geben, das sagt auch Pajovic, "aber wir dürfen jetzt ein bisschen träumen und schauen, was passiert." Das Glanzstück gegen Nordmazedonien ist ein gutes Argument dafür.

"Wenn wir wieder so eine Leistung aufs Parkett bringen, traue ich uns die eine oder andere Überraschung zu", sagt auch Goalie Eichberger. Bei einer Abwehrquote nahe der 40 Prozent und einer Wurfeffizienz an die 70 Prozent ist auch in den kommenden Tagen etwas drin. Und hält Österreich die Begegnungen knapp - wer weiß. In den ersten beiden engen Partien hatte die Mannschaft nämlich auch starke Nerven bewiesen. Die ersten beiden der Hauptrunde qualifizieren sich für das Halbfinale, Österreich bräuchte also mehr als nur eine Überraschung.

Von bisher 65 Duellen mit den drei ersten Gegnern verlor Österreich 56. Die acht Siege datieren aus einer anderen Zeitepoche, 2010 erreichte man in Deutschland einmal ein Remis im Rahmen einer EM-Qualifikation. Ein paar Mal war man gegen Spanien und Kroatien knapp dran. Gegen Letztere auch bei der Heim-EM in der Stadthalle vor zehn Jahren, als man nicht zuletzt auch Pech mit Schiedsrichterentscheidungen hatte. Anders gesagt: Da ist noch eine Rechnung offen.