Sie sind gern gesehene und, das sagen auch die Tourismuszahlen, die größte Gruppe an Gästen in Österreich; sie kommen, um Skizufahren, die Seele baumeln zu lassen, zu bummeln und manchmal auch des Essens wegen. Für dieses ist im deutschen Handball-Team zwar ein eigener Koch zuständig, zum gar nicht so selbstverständlich zu erreichenden Sehnsuchtsort ist Wien in den vergangenen Tagen für die Mannschaft von Christian Prokop dennoch geworden. Nach den Auftritten in der Vorrunde im ebenso kühlen wie dunklen Norden Trondheims erwarte man sich nach der Übersiedlung mehr Atmosphäre - und vor allem sportlich "etwas mehr Licht", wie Prokop sagt.

Nun haben die Deutschen Wien anscheinend auch schon bei Nacht gesehen - bei der Hauptrunde der Handball-EM will man aber keineswegs die netten Urlauber von nebenan geben. Doch schon am Donnerstag könnte dieses Schicksal drohen, werden deutsche Medien nicht müde, zu warnen. Denn steht am Ende der 60 Minuten gegen Weißrussland nicht ein Sieg zu Buche, brauche man gar nicht mehr erst vom Erreichen des Halbfinales, in dem es dann in Stockholm weitergehen würde, zu reden, heißt es da.

Während die Mitfavoriten aus Frankreich sogar vorzeitig ausgeschieden sind, haben sich die Kaliber aus Spanien und Kroatien, die ebenfalls in der Hauptrunde in Wien spielen, bisher keine Blöße gegeben. Mit Österreich am Montag wartet zudem ein Gegner, der sich nach den drei Vorrundensiegen gegen Tschechien, die Ukraine und Nordmazedonien auf eine kleine Euphoriewelle aufgeschwungen hat.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen nach dem Erreichen der Runde der besten zwölf waren, ließ sich dann auch gut an den Kommentaren der deutschen und rot-weiß-roten Handballer ablesen. Während Österreichs Teamchef Ales Pajovic davon sprach, dass sein Team nun "ein bisschen träumen" dürfe, klangen die Durchhalteparolen Prokops eher verzweifelt. Man dürfe jetzt nicht von den Zielen abrücken, "die Mannschaft hat es sich verdient, daran zu glauben".

"Müssen uns in vielen Bereichen steigern"

Allerdings hatte der Teamchef bereits vor dem Turnier wohlweislich davon abgesehen, vom Titel zu reden, nach den bisherigen eher mauen Darbietungen fällt der Glaube noch um ein paar Prozentpunkte schwerer. Der Sieg gegen Lettland mit nur einem Tor Differenz enttäuschte dabei fast noch mehr als die 26:33-Niederlage gegen Spanien.

Von dem Wintermärchen 2016, als die dreifachen Welt- und zweifachen Europameister unter dem auch in Österreich bestens bekannten Isländer Dagur Sigurdsson ihren bisher letzten Titel bei einem Großereignis geholt haben, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Einige Stammspieler von einst haben entweder aufgehört oder sind in die Jahre gekommen, nach vielen Ausfällen in der Vorbereitung sind die Verbliebenen, die zudem mit ihren Klubs eine harte Saison hinter sich haben, aber noch mehr gefordert. "Wir müssen uns in vielen Bereichen steigern", sagt Flügelspieler Tobias Reichmann. Allerdings bleibt ein kleines bisschen Hoffnung. Es sei nicht nur so, dass man deutlich besser spielen müsse, sondern man könne es auch, meint Torhüter Johannes Bitter. Immerhin, das Schlimmste ist abgewendet, Wien erreicht. Stockholm und ein mögliches Halbfinale sind allerdings noch weit entfernt.