Knapp vor acht Uhr abends war die Hauptrundengruppe 1 der Handball-EM entschieden. Spanien und Kroatien hatten ihre Spiele gewonnen und damit ein Halbfinale für Deutschland endgültig unmöglich gemacht. Österreich hatte bereits seit Samstag keine Chance mehr darauf. Es ging aber dennoch nicht um nichts, weil es zwischen Österreich und Deutschland nie um nichts geht. Zumindest aus österreichischer Sicht.

Dem Sieger dieser Begegnung winkte aber auch eine Reise nach Stockholm, Abflug bereits Donnerstagvormittag. Dieser Preis hat freilich auch einen Haken. Zumindest aus deutscher Sicht. Denn der Gruppendritte muss in Schweden am Samstag um Platz fünf spielen. Das wäre für Österreich eine Sensation und historisch, während beim prominenten Gegner schon öffentlich ein "Charaktertest" für die Mannschaft als Motivation ausgerufen werden musste.

Am deutschen Goalie gescheitert

Johannes Bitter war für Österreich schier unüberwindbar.  - © AFP
Johannes Bitter war für Österreich schier unüberwindbar.  - © AFP

Das klang nach guten Rahmenbedingungen für dieses Spiel – aus österreichischer Sicht. Aus der Geschichte des Fußballs ist bekannt, dass deutsche Mannschaften ihre Schwierigkeiten haben, wenn das Halbfinale gerade verpasst wurde, aber der Turnierplan noch zu einem Spiel zwingt. Österreich dagegen lebt dann erst auf und neigt zur leistungsmäßigen Ausschweifung, wenn auf der anderen Seite enttäuschte Deutsche stehen.

Gut 20 Minuten sah es dann auch so aus, als könnte den EM-Gastgebern tatsächlich ein cordobaesker Akt gelingen. Die Österreicher führten mit zwei Treffern Unterschied, vergaben zweimal die Chance auf eine höhere Führung. Deutschland agierte hingegen fahrig und fehleranfällig. Dass dann aber zehn Minuten später beinahe schon alles für Deutschland entschieden war, hatte drei Gründe: Mehrere Zwei-Minuten-Strafen für Österreich, eine längere Pause für einen offenbar müden Nikola Bilyk sowie ein Tormann-Wechsel bei Deutschland. Der 37-jährige Rückkehrer Johannes Bitter wuchs zur Wand, wehrte 54 Prozent der Würfe ab. Das ist astronomisch.

Eine Abwehrtat von Österreichs Goalie Thomas Eichberger samt Tor im Gegenzug machte aus einem potenziell Fünf-Tore-Abstand zur Pause noch ein erträgliches 13:16. Die Deutschen hatte ihre Vorrunde in Norwegen absolviert, ehe sie für die Hauptrunde nach Wien übersiedelten. Der Gedanke an eine weitere Reise in den Norden dürfte die Mannschaft aber dann doch nicht weiter beunruhigt haben. Charakter und so. Mit drei unbeantworteten Treffern nach dem Wiederbeginn entschied der Favorit das Spiel frühzeitig, Österreich verlor danach die Façon und Deutschland aus den Augen. Rund zehn Minuten vor dem Ende lag Österreich bereits zehn Treffer zurück. Am Ende waren es zwölf. "Es ist das sechste Spiel, wir haben fünf davon überragend gespielt. Dann kommen auch solche Momente, wie heute, wo nicht alles passt", sagte Teamchef Ales Pajovic. Auch für den Trainer war der Keeperwechsel ein Schlüssel. Österreich sei dadurch in Rückstand geraten, "das kostet Kraft, aber davon haben wir nicht mehr viel."

Deutschland ist damit bereits sicher Gruppendritter und damit im Spiel um Platz 5, Österreich spielt am letzten Spieltag in Wien am Mittwoch (18.15 Uhr) gegen Weißrussland um die beste Platzierung bei einer EM. Beendet man die Gruppe 1 auf dem vierten Platz, kann am Ende Rang sieben herausschauen, vor zehn Jahren war Österreich Neunter. In der zweiten Hauptrundengruppe trifft am Dienstag Portugal auf Slowenien, Norwegen auf Island und Ungarn auf Schweden. Bis auf Schweden haben alle anderen noch die Chance auf das Halbfinale. Dass Deutschland es nicht schaffte, war am Ende nur dem 24:25 gegen Kroatien geschuldet. Einem Spiel. Einem Tor. Eineinhalb Minuten vor dem Schlusspfiff. So kann es bei einer langen EM auch gehen.