Es gehört zur hohen Kunst des Wettkampfes, große Unterschiede zum Verschwinden zu bringen. Das heißt, die Unterschiede bleiben bestehen, sind weiterhin offenkundig und meist in diversen Statistiken nachzulesen. Aber in dem einen Wettkampf, dem einen Spiel, an diesem einen Abend, kann der Unterschied auf einmal unsichtbar werden. Man kennt es aus dem Alten Testament (David, Goliath) und von David Bowie ("We can be heroes, just for one day"). Das ist das Fantastische im Sport.

Es war das Leitmotiv der österreichischen Handballer bei dieser Heim-EM. Denn die Unterschiede zu den Größen des Sports sind eklatant, nicht nur zu Deutschland, Spanien und Frankreich, sondern auch zu kleinen Ländern wie Slowenien oder Dänemark, deren Landesmeister jedes Jahr in der Champions League spielen. Das österreichische Team ist dünner besetzt, das Leistungsgefälle größer. In dem einen Spiel, an dem einen Abend, kann der Unterschied aber auch unsichtbar werden. Und das ist Österreich auch gelungen, vor allem in der Vorrunde gegen Nordmazedonien, dem Land des Champions-League-Siegers Vardar Skopje.

Bei einer Handball-EM gibt es aber viele Abende, und das ist durchaus bewusst so gewählt. Es verspricht viele Übertragungsminuten im Fernsehen und jeden zweiten Tag eine volle Halle. Ein Win-win-Geschäft für Veranstalter und europäischen Verband, für Außenseiter jedoch ein Problem. Man stelle sich vor, Portugals Fußball-Team setzt Cristiano Ronaldo bei einer EM irgendwann zwecks Erholung auf die Bank. Denn genau dort fand sich ÖHB-Star Nikola Bilyk, mit 39 Toren weit vorne in der EM-Torschützenliste, über weite Strecken der ersten Hälfte gegen Deutschland. Es ging nur mehr um den dritten Gruppenplatz, nicht mehr ums Halbfinale, aber dennoch: Das tut man nicht! Außer man muss. "Er ist kein Roboter", sagt Teamchef Ales Pajovic. Es war dann die Zeit, dem Realismus ins Auge zu blicken. Beim sechsten Spiel in elf Tagen ließ sich mit Fortdauer des Spiels genau verfolgen, wie der große Unterschied im Handball zwischen Deutschland und Österreich immer sichtbarer wurde. Nach 20 Minuten lag Österreich noch in Führung, teilweise mit zwei Toren, am Ende verlor man mit zwölf Treffern: 22:34.

Der große Unterschied

Auch gegen Spanien am Samstag sah es ja lange gut aus. Österreich brachte den Titelverteidiger zwar nicht wirklich an den Rand einer Niederlage, aber zumindest in Regionen, wo eine solche Fantasie erlaubt ist. Gerät das Team aber in Rückstand, muss diesem also immer nachlaufen, dann wird es schwer. "Das kostet Kraft, und davon haben wir nicht mehr viel", sagte Teamchef Ales Pajovic.

Dabei schienen die Rahmenbedingungen für Österreich günstig, denn die Deutschen hatten zwei Tage zuvor eine schwere Enttäuschung erlebt, als sie gegen Kroatien nach klarer Führung wenige Augenblicke vor dem Ende doch noch verloren und damit das Halbfinale verpassten. Auch in den Zielen offenbart sich da der große Unterschied.

Während Österreich sein großes Glücksgefühl mit dem Erreichen der Hauptrunde hatte, strebten die Deutschen das Halbfinale an. Mit Recht, wie sie bei der EM bewiesen. Am Ende entschied ein läppisches Tor zu ihren Ungunsten. Und natürlich ein schwarzer Tag in der Vorrunde gegen Spanien. Die Niederlage fiel beinahe zweistellig aus. Auch das kann im Sport passieren, dass dort, wo kaum Unterschiede bestehen, in einem Spiel ein Graben aufgeht.

Österreich ist es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, den riesigen Abstand zur Elite ein wenig zu verringern. Nach der erstmaligen EM-Teilnahme 2010 (als Ausrichter) konnte man sich in den folgenden Jahren fünfmal für ein EM- oder WM-Turnier qualifizieren, viermal nicht. Und in einzelnen Spielen gelang es immer wieder, den Unterschied zu marginalisieren. Auch diesmal. Aber er bleibt natürlich bestehen. Deutschland verfügt über mehr als 750.000 Spielerinnen und Spieler, Österreich hoch geschätzt über 20.000 - eine andere Welt.

In der Hauptrunde gegen Kroatien, Spanien und Deutschland offenbarte sich dieser Unterschied, den man nach der Vorrunde noch verringert glaubte. Im letzten Spiel gegen Weißrussland am Mittwoch (18.15 Uhr/ORF1) geht es um einen schönen Abschluss. Ein Sieg sollte möglich sein, da die Weißrussen auf einem ähnlichen Niveau stehen. Es ist ein Gegner auf Augenhöhe.

Eine Hoffnung besteht darin, dass diese EM aber auch langfristig nachwirkt, dass das Interesse steigt, dass einzelne Spieler wie Goalie Thomas Eichberger oder Kreisläufer Tobias Wagner ins Ausland wechseln. Zum Beispiel nach Deutschland, in die beste Liga Europas.