Dominic Thiem hat erstmals in seiner Karriere das Halbfinale der Australian Open erreicht - und wie: Der Niederösterreicher besiegte den Weltranglistenersten Rafael Nadal in vier hochdramatischen Sätzen und einem Match, das für Eurosport-Experte Boris Becker "das wohl beste im ganzen bisherigen Turnier" war, mit 7:6, 7:6, 4:6, 7:6.

Für Thiem, der Nadal zuletzt zweimal im French-Open-Finale unterlegen war, war es der fünfte Sieg im 14. Duell mit dem Spanier - und wohl der wichtigste.

 "Es war ein Wahnsinnsspiel, die ganze Zeit auf sehr hohem Niveau", sagte Thiem, der in zwei Sätzen einen Rückstand aufholte und im Tiebreak jeweils die Nerven bewahrte. "Aber heute war auch ein bisschen Glück auf meiner Seite. Das ist auch notwendig, weil er einer der Größten dieses Sports ist."

Im Kampf um den Finaleinzug bekommt es der Weltranglistenfünfte nun mit dem Deutschen Sascha Zverev zu tun, der den Schweizer Stan Wawrinka besiegte. Gegen Zverev hat Thiem eine 6:2-Bilanz.

Das zweite Halbfinale bestreiten Novak Djokovic und Roger Federer.

"Es fühlt sich unglaublich an", sagte Thiem. "Es ist natürlich das Halbfinale, aber es ist auch ein Sieg über Rafa bei einem Grand-Slam-Turnier, mein erster", erklärte der Österreicher, der froh war, nicht in den Entscheidungssatz gehen zu müssen.Denn in den ersten beiden Sätzen lag er jeweils mit einem Break zurück und musste sich erst in den Satz kämpfen. "Er hat auf den ersten Satz serviert, wo ich genau zum richtigen Moment zurückgebreakt habe. Im zweiten war er früh mit Break vorne. Das kriegt man nicht oft gegen ihn, dass man sich zweimal zurückkämpft. Die Tiebreaks habe ich wirklich gut gespielt", erklärte der Weltranglisten-Fünfte. Für ihn war es "keine Überraschung", dass Nadal dranbleibt und "von seiner Intensität her null nachlässt. Das war mir klar."

Der erste Durchgang bot Powertennis von Beginn weg: Nach zwei Aufschlagspielen zu Null für Thiem fand dieser im fünften Game bei 2:2 den ersten Breakball im Match vor. Doch Nadal wehrte diesen ab. Bei 4:3 für Nadal gab es neue Bälle – und Aufschläger Thiem musste sein Service nach einigen Fehlern zu null zum 3:5 abgeben. Ein Rückstand, der normalerweise bei Nadal schon fatal sein kann. Nach 35 Minuten hatte Nadal auch schon einen Satzball zum 6:3, aber Thiem zog den Kopf aus der Schlinge. Er nutzte seinen dritten Breakball zum 4:5 und egalisierte auf 5:5. Der Satz ging ins Tiebreak, in dem Thiem ein 0:2 nach 67 Minuten mit dem ersten Satzball noch in ein 7:3 verwandelte.

Thriller im vierten Satz

Auch im zweiten Satz musste Thiem kurioserweise wieder als Aufschläger mit neuen Bällen das Break zu null und zum 2:3 hinnehmen. Doch auch diesmal ließ sich Nadal diesen Vorteil nehmen. Bei 4:3 unterlief dem 19-fachen Major-Sieger ein schwaches Aufschlag-Game, das er gar mit einem Doppelfehler abgab. Thiem war neuerlich zurück im Satz, der wieder ins Tiebreak ging: Thiem vergab eine 4:0-Führung, erarbeitete sich bei 6:4 aber zwei weitere Satzbälle – gleich den ersten verwertete er.Im dritten Durchgang war dann der Spanier stärker, indem er sich das erarbeitete Break nicht mehr nehmen ließ – 6:4.Danach war Nadal richtig aufgeputscht – und dem frühen Break wieder sehr nahe: Doch Thiem konnte gleich drei Breakbälle zum 0:2-Rückstand abwehren, um seinerseits das erste Break im vierten Satz zu schaffen. Bei 5:4 hatte Thiem die Chance auszuservieren, doch wieder mit neuen Bällen beging Thiem neuerlich Fehler, Nadal gelang somit im letzten Moment das Rebreak. Der Spanier hatte nun das Momentum auf seiner Seite und stellte von 3:5 auf 6:5 – wieder musste das Tiebreak entscheiden. Bei 6:4 hatte Thiem seine ersten beiden Matchbälle, doch Nadal wehrte beide ab. Nach 4:10 Stunden verwertete Thiem aber den dritten zum 8:6. "Zum Glück hat er die Vorhand dann bei 7:6 verschlagen", resümierte Thiem.Damit wartet nun am Freitag in der Night-Session (9.30 Uhr MEZ/Servus-TV) Zverev im Kampf um Thiems drittes Major-Endspiel nach zuletzt zwei French-Open-Finali (2018 und 2019). Zum insgesamt neunten Duell mit Zverev meinte Thiem: "Das erste Mal, dass ich in einem Grand-Slam-Halbfinale gegen einen Jüngeren spiele. Das ist eine neue Situation für mich." Aber man kenne sich sehr gut. "Wir haben acht Matches schon auf allen Ebenen gespielt, darunter bei den ATP-Finals, zweimal bei den French Open. Wir werden beide alles geben, dass wir da in unser erstes Finale einziehen."

Klassiker Djokovic-Federer

Im Finale wartet jedenfalls eine absolute Größe des Sports: Denn am Donnerstag (9.30 Uhr/Servus-TV) duellieren sich im ersten Semifinale Novak Djokovic (Srb-1) und Roger Federer (Sz-3). Und zwar zum bereits 50. Mal. Im Head-to-Head führt der 32-jährige Serbe knapp mit 26:23, das bisher letzte Aufeinandertreffen bei den ATP-Finals hat aber der fast sechs Jahre ältere Federer gewonnen. "Ich habe großen Respekt vor allem, was er erreicht hat. Matches gegen Roger und Rafa haben mich zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin, möge der Bessere gewinnen", so Djokovic.