Super Bowl also, wie gewohnt am ersten Sonntag im Februar, ergo diesen: Ab Punkt halb sechs Uhr nachmittags Ostküstenzeit (23.30 Uhr MEZ) matchen sich die Kansas City Chiefs mit den San Francisco 49ers. Ausgespielt wird das 54. Endspiel aller Zeiten im Hard-Rock-Stadium zu Miami Gardens, Florida, das mit einem Fassungsvermögen von rund 65.000 Menschen zu den eher kleineren NFL-Stadien zählt und ansonsten die Miami Dolphins beherbergt. Die Tatsache, dass sich die 49ers im Finale wiederfinden, überrascht; aber dann bei näherer Betrachtung wiederum überhaupt nicht, weil das wie fast alles nur eine Frage der Perspektive ist. Die Wahrnehmung des Teams aus San Francisco ist halt bis heute, da fährt quasi der Zug drüber, immer noch geprägt von den goldenen Achtzigern und frühen Neunzigern, als Quarterback Joe Montana, Wide Receiver Jerry Rice und Running Back Roger Craig den Rest der Liga Mores lehrten und fünf Championate gewannen (das letzte 1994, angeführt nicht mehr von Montana, sondern von der bis dahin ewigen Nummer zwei Steve Young). Nun ist es nicht so, dass sie in San Francisco seitdem das Spiel verlernt hätten, im Gegenteil.

Allein in diesem Jahrzehnt gewannen die 49ers drei Division Championships und schafften in der Saison 2012 - unter einem gewissen Colin Kaepernick, der seltsamerweise trotzdem bis heute keine Arbeit als Quarterback mehr in der NFL findet - sogar den Einzug in die Super Bowl; aber zum letzten Alzerl fehlte es dann halt doch immer. Der jüngste Erfolg in Sachen Endspielteilnahme wird derweil zu einem Gutteil dem Chefcoach zugeschrieben. Drei Jahre ist es her, dass Kyle Shanahan die 49ers übernahm und seitdem ging es praktisch immer nur in eine Richtung, nämlich aufwärts. Die reguläre Saison brachten die Männer um Star-Quarterback Jimmy Garoppolo mit einer Bilanz von 13 Siegen zu drei Niederlagen zu Ende, innerhalb der National Football Conference (NFC) ein beachtlicher Rekord. Shanahan blickt auf eine bemerkenswerte Familientradition zurück, sein Vater Mike gilt in Denver als lebende Legende, die dort ansässigen Broncos trainierte er von 1995 bis 2008 und gewann mit ihnen zweimal die Super Bowl. Für Sohn Kyle ist San Francisco indes die erste Station im Chefsessel. Bisher war er ausschließlich, aber beständig erfolgreich als Offensive Coordinator beschäftigt gewesen (zuletzt bei den Atlanta Falcons). Mit Garoppolo scheint er seinen perfekten verlängerten Arm am Gridiron gefunden zu haben.

Erster "richtiger" Chiefs-Sieg?

Den beiden wird schon jetzt ein Verhältnis nachgesagt, wie es sonst nur Bill Belichick und Tom Brady pflegen. Was insofern nicht einer gewissen Ironie entbehrt, als der nunmehrige Nummer-eins-Quarterback der 49ers von 2014 bis 2017 bei den New England Patriots beschäftigt war und dort lange als Nachfolger der sechsmaligen Super-Bowl-Champions angesehen wurde. Letztere sind heuer ausnahmsweise nicht im Endspiel vertreten. Das erste Mal seit neun Jahren war für die Männer aus Foxborough bereits in Play-off-Runde eins Schluss. Die 13:20-Niederlage gegen die Tennessee Titans schien gleich in mehrerer Hinsicht eine Zeitenwende zu markieren, als es mit dem dauernden Rekorde-Setzen für die Patriots jetzt endlich vorbei zu sein scheint. Wären sie, wie praktisch alle Jahre, auch heuer wieder ins Finale gekommen, wäre es das vierte Mal in Folge gewesen. In der NFL-Geschichte haben das bisher nur die Buffalo Bills geschafft und das wird vorläufig gottlob auch so bleiben. Nun gibt es zu den Kansas City Chiefs auch so einiges zu sagen, was die historische Datenlage angeht, wäre es, wenn sie gewinnen sollten, rein technisch besehen ihr erster "richtiger" Super-Bowl-Sieg überhaupt. Die 1960 als Dallas Texans gegründeten und drei Jahre später nach Missouri übersiedelte Mannschaft gewann die Liga zwar im Jahr 1970, aber da war der Zusammenschluss zwischen NFL und AFL noch nicht total vollzogen.

Angeführt wird das einzige Team außer den Washington Redskins, das sich trotz andauernder Proteste von Interessensverbänden amerikanischer Ureinwohner noch ein sogenanntes "Indianer"-Logo leistet, von Chefcoach Andy Reid, der ebenfalls einen Fleck auf seinem professionellen Lebenslauf auszumerzen gedenkt. Der 61-jährige Mensch gewordene Schnauzbart, vormals gefühlt ewig bei den Philadelphia Eagles beschäftigt (1999-2012), ist nach Siegen berechnet einer der sechs erfolgreichsten NFL-Coaches aller Zeiten, hat aber noch nie in seiner gesamten Karriere eine Super Bowl gewonnen. Richten sollen es für ihn jetzt Quarterback Patrick Mahomes, aber vor allem die als unpenetrierbar geltende Defensive der Kansas Chiefs. Noch was? Ja, eh.

In der Halbzeitpause werden Jennifer Lopez und Shakira die Massen unterhalten und Präsident Donald Trump einen eigens für die Super Bowl angefertigten Werbeclip präsentieren, in dem er seinen Landsleuten seine Wiederwahl im Herbst empfiehlt ("Keep America Great"). Es bleibt einem in Amerika halt doch nichts erspart, schon gar nicht bei der Super Bowl.