Jetzt ist es passiert. NFL-Chefcoach-Legende Andy Reid hat seinen ersten Super-Bowl-Ring, und die Kansas City Chiefs sind die neuen Weltmeister des nordamerikanischen Footballsports; ein Titel, den sie fast auf den Tag genau das letzte Mal vor 50 Jahren für sich beanspruchen durften. Im in Miami Gardens, Florida ausgetragenen Super Bowl LIV besiegten sie die San Francisco 49ers, Endstand 31:20.

Und das kam so: Die Defensive, in dieser Saison das ausgemachte Prunkstück der Chiefs, machte ihre Arbeit in den ersten zwei Vierteln ebenso ordentlich wie die hochgelobte Offensive der 49ers, nicht wirklich unerwartet, deshalb der daraus resultierende Halbzeitstand: 10:10, je ein Touchdown (Fullback Kyle Juszczyk für die 49ers, Cornerback Tarvarius Moore nicht für sie) und ein Field Goal (Robbie Gould/Harrison Butker) auf jeder Seite. Als die Mannschaften auf den Gridiron zurückkehrten, nahmen sie den Faden schnell wieder auf, wo sie ihn vor den Showeinlagen von Jennifer Lopez und Shakira hatten liegen lassen. Und während man sich langsam, aber sicher an den Gedanken gewöhnte, dass eine Verlängerung im Bereich des Möglichen lag, natürlich genau dann - wann denn auch sonst - passierte es.

Nachdem die 49ers wieder einmal ein 3rd Down vergeigt hatten, aber der Endzone nahe genug gekommen waren, um ein Field Goal zu wagen, kündigte sich jenes Momentum an, das ihnen bis sechs Minuten vor Schluss nicht mehr abhanden kommen sollte. Zuerst versenkte wieder Gould - 13:10. Kurz darauf, nach vergeblichem Anrennen der Chiefs unter der Leitung des bemühten, aber zuerst lange glücklosen Patrick Mahomes, innerhalb von ein paar Minuten gleich zwei größte anzunehmende Unfälle: Zuerst schlug Defensive End Nick Bosa dem Quarterback das Spielgerät aus der Hand, und sein Teamkamerad Fred Warner nahm es auf - Turnover. Und dann passte sich 49ers-Ballverteiler Jimmy Garoppolo das Feld hinunter, Raheem Mostert tankte sich durch, und bumm, plötzlich hatten die 49ers zehn Punkte Vorsprung. Nämlichen nahmen sie ins letzte Viertel mit, und nachdem sie ihn bis über dessen Hälfte geschleppt hatten, glaubte man den Käse eigentlich gegessen; aber das alte Walross Andy Reid, einer der schnauzbärtigsten, längstdienenden (21 Saisonen!) und – rein nach Siegen berechnet – erfolgreichsten NFL-Coaches aller Zeiten, hatte andere Pläne.

Dann ging den Chiefs der Knopf auf

Sechs Minuten vor der Schlusssirene empfing Travis Kelce einen Mahomes-Kurzpass und schaffte es irgendwie, ihn auf legale Weise, zumindest nach Lesart der Offiziellen, in die Endzone zu transportieren. Der Knopf war aufgegangen; und weil dort, wo rohe Kräfte walten, ohne nämlichen keine Hose der Welt halten kann, ging es plötzlich Schlag auf Schlag, sprich Pass auf Catch, Pass auf Catch, Pass auf... Touchdown Damien Williams. Die Chiefs-Offensive begann wie elektrisiert das Feld hinauf und hinunter zu marschieren, dass den Männern aus San Francisco buchstäblich das Lachen verging, ihr Chefcoach Kyle Shanahan tat sich sichtlich mit jeder Minute schwerer, die Fassung zu wahren. In diesen Momenten erinnerten die Spieler aus Kansas an die nunmehr (hoffentlich) endlich zu Ende gegangene Ära der Alleinherrscher aus New England, die jahrelang dafür berühmt waren, diese letzte Phase eines Spiels immer dann zu dominieren, wenn es um Großes ging.

Angesichts dessen, was die Chiefs an diesem Sonntag in Florida schafften, ist es nicht allzu vermessen, über eine glorreiche Zukunft zu spekulieren. Patrick Mahomes ist erst zarte 24 Jahre alt. Das ist fast genauso alt wie einst ein gewisser Tom Brady war, als dieser 1999 von den Patriots gedraftet wurde.

Ganz ohne die Spompanadeln von Präsident Donald Trump kam freilich auch der Super-Bowl-Sonntag nicht aus. Kurz nach Spielende twitterte der Mann, der sich heftig gegen den Vorwurf verwehrt, die Ukraine nicht auf einer Karte zu finden, eine Gratulation an die Chiefs, "die Repräsentanten des großartigen Bundesstaats Kansas".