Es hat nicht sollen sein. Jeder Zauberschlag, den Dominic Thiem an diesem Abend in Melbourne auspackte, jeder Kampfgeist, als Novak Djokovic zuerst nach gewonnenem ersten Satz in einen Lauf zu kommen schien, und später, als der Serbe im vierten und fünften Satz wieder Aufwind bekam und der Österreicher noch immer nach Kräften dagegenhielt, für die sprichwörtlichen Fisch’ oder halt die Kängurus.

Dominic Thiem (hinten) lieferte Novak Djokovic einen harten Kampf - musste ihm aber dennoch zum Sieg gratulieren. - © afp/David Gray
Dominic Thiem (hinten) lieferte Novak Djokovic einen harten Kampf - musste ihm aber dennoch zum Sieg gratulieren. - © afp/David Gray

Am Ende eines langen, mit Auf und Abs versehenen Turniers, und eines Finales über vier Stunden musste sich der Niederösterreicher Djokovic mit 4:6, 6:4, 6:2, 3:6, 4:6 beugen. Das ist freilich keine Schande, Djokovic ist nicht irgendwer, sondern nunmehr achtfacher Sieger der Australian Open und wieder Nummer eins der Tennis-Welt.

"Es ist nicht leicht, hier gegen ihn zu gewinnen", stellte ein "natürlich sehr enttäuschter" Thiem danach fest, während Djokovic ihm versicherte, was zu solchen Gelegenheiten oft gesagt wird, diesmal aber wohl genau so gemeint war: "Du wirst noch deine Grand Slams gewinnen."

Tatsächlich hat Thiem bei diesen Australian Open zumindest eines seiner vorher ausgegebenen Ziele erreicht: auch außerhalb der French Open und auf anderen Belägen als auf Sand um Major-Siege mitspielen zu können. Zudem kann er sich damit trösten, seit Montag Nummer vier der Weltrangliste und drauf und dran zu sein, in Roger Federer eine andere Allzeitgröße zu überholen. Zieht er seine Nennung beim Turnier in Buenos Aires kommende Woche nicht zurück - was am Tag nach dem Finale noch offen war -, wäre ihm dies mit einem Titelgewinn sicher, andernfalls hat er in der Woche darauf in Rio de Janeiro gute Chancen.

Eines jedenfalls konnte sich das Team Thiem in Australien versichern: Der Weg, den er im Vorjahr eingeschlagen hat, stimmt; von der Reife des 26-Jährigen zeugt auch, dass er die Störgeräusche rund um die Trennung von Kurzzeit-Co-Trainer Thomas Muster ausblenden konnte. "Er braucht ein Umfeld, wo er der Chef ist", sagt sein Vater Wolfgang Thiem - auch wenn an diesem Tag der Chef in Melbourne noch Novak Djokovic hieß.

Pressestimmen zum Australian-Open-Finale:

"Neue Zürcher Zeitung": "Queen Elizabeth II ist bis heute das formelle Oberhaupt Australiens. Ein Versuch, die Monarchie abzuschaffen, scheiterte 2016 kläglich. Doch zumindest in Melbourne ist sie längst abgesetzt, auch wenn die Nachricht noch nicht bis in den Buckingham Palace vorgedrungen ist. Hier herrscht Novak I."

"Süddeutsche Zeitung": "Der Thron hat also mächtig gewackelt, aber Thiem gelang es nicht, ihn umzustürzen. ... Aber von all den Jüngeren, die seit Jahren am Podest der Drei rütteln, ist Thiem ohne Zweifel am besten zum Putsch befähigt. ... Djokovic sieht in Thiem keinen Emporkömmling mehr, sondern einen Ebenbürtigen."

"Frankfurter Allgemeine": "Sein (Djokovic, Anm.) Thron wackelte gewaltig, doch dann wehrte der "König von Melbourne" den Aufstand doch noch ab."

"The Independent": "Die Überraschung war nicht, dass Thiem so nahe dran war, sondern der Titelverteidiger so ein unausgewogenes Match gespielt hat."

"The Guardian": "Novak Djokovic jetzt mit 17 Major-Titeln, näher an Rafael Nadal (19) und Roger Federer (20). Die nächstbesten aktiven Spieler sind Andy Murray und Stan Wawrinka mit jeweils drei Titeln. Aber das waren zuletzt nicht die ersten Herausforderer. Die wirklich Gefahr kommt von weiter weg. ... Djokovic hat hilflos wie ein Kind gewirkt, als er das Rätsel Dominic Thiem zu lösen versuchte - sechs Jahre jünger als er, aber zumindest für die Hälfte des Finales ihm ebenbürtig."

"The Telegraph": "Die Australian Open haben einen bekannten Sieger gebracht. Aber Dominic Thiem hat bewiesen, dass er an die Tür klopft. ... Thiem hat die Rolle von Andy Murray, wenn es um Grand-Slam-Finali geht. Aber der Österreicher hat einen großen Vorteil gegenüber Murray: das Alter spricht für ihn. ... Sein Run ins Finale von Melbourne hat bewiesen, dass er die Pläne der 'Big Three' durchkreuzen kann, von denen jeder unbedingt höchstdekorierter Grand-Slam-Champion der Geschichte werden will."