Wer gedacht hat, dass der Sport von den schweren Missbrauchsvorwürfen, die seit Jahren in fast allen Bereichen des Lebens erhoben werden, irgendwie noch verschont bleiben könnte, wurde spätestens in den vergangenen zwölf Monaten von der Realität eingeholt. Tatsächlich sind die Erinnerungen an die Fälle um Ex-ÖSV-Trainer Karl "Charly" Kahr oder Judo-Olympiasieger Peter Seisenbacher frisch, ebenso die jüngsten Vergewaltigungsvorwürfe gegen einen Spieler des österreichischen Fußballnationalteams. Nur grundsätzlich mit den Problemen auseinandersetzen will sich bisher kaum jemand.

Die Reaktionen auf vorgetragene Fälle erfolgen oft eindimensional, etwa als das Land Oberösterreich nach dem Auftreten von Missbrauchsvorwürfen gegen einen Langlauftrainer im September ein breites Präventions- und Opferschutzkonzept präsentierte. In vielen Fällen reagieren die betroffenen Verbände und Einrichtungen aber immer noch mit Zurückhaltung. Immerhin mit gutem Beispiel vorangegangen ist die Bundessportorganisation. Sie hat bereits 2018 einen Verhaltenskodex sowie ein Fünf-Punkte-Programm zu Missbrauch und sexualisierter Gewalt im Sport herausgegeben. Auch eine "Handreichung" für die Arbeit der Trainer ist dabei.

Während also in Österreich die öffentliche Debatte rund um sexuellen Missbrauch, vor allem angeregt durch die Initiative "WeTogether" der ehemaligen Skirennläuferin Nicola Werdenigg, nur mühsam in die Gänge kommt, ist sie international bereits zum Politikum geworden. Ein Beispiel ist die aktuelle Entrüstung über die jüngsten Missbrauchs-Enthüllungen im Bereich des französischen Eiskunstlaufs. Hier hat die Pariser Staatsanwaltschaft nun Vorermittlungen gegen den ehemaligen Coach Gilles Beyer eingeleitet, der seine minderjährigen Schützlinge jahrelang sexuell missbraucht haben soll. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch die Aussage der Eiskunstläuferin Sarah Abitbol. So berichtet die heute 44-Jährige in einem Buch, dass sie als Elevin im Alter von 15 Jahren von Beyer vergewaltigt worden sei.

Ministerin fordert Rücktritt

Nun trat bei Recherchen der Zeitung "L’Obs" zutage, dass auch andere Läuferinnen mutmaßlich Opfer des Coachs gewesen waren. Auch in der Sportzeitung "L’Equipe" berichteten ehemalige Eiskunstläuferinnen und Schwimmerinnen von Übergriffen. In Frankreich lösten die Anschuldigungen Entsetzen aus. Den Berichten zufolge haben damals zahlreiche Opfer die Fälle den Verantwortlichen gemeldet, passiert ist aber nichts. Vertuschungsvorwürfe wurden laut. Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu forderte am Montag den Präsidenten des Eissportverbands, Didier Gailhaguet, zum Rücktritt auf. Der Präsident gab Fehler zu, meinte aber auch, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Er will sich am Mittwoch öffentlich äußern.

Angesichts der Dynamik, welche die Affäre in Frankreich angenommen hat, werden Erinnerungen an den Missbrauchsskandal im US-amerikanischen Turnerverband wach. Hier wurde der frühere Sportarzt Larry Nasser wegen Missbrauchs hunderter teils minderjähriger Opfer zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Turnverband blieb kein Stein auf dem anderen: Die Führung wurde entlassen, ein Konkursverfahren eingeleitet. Um ein teures Gerichtsverfahren abzuwenden, hat der Verband den Opfern Entschädigungen in der Höhe von 215 Millionen Dollar geboten.

Was die Fälle in den USA und Frankreich zu einen scheint, ist die Systematik des Missbrauchs, die ihnen zugrunde liegt. In Österreich sollen es bisher nur Einzelfälle sein. Die Zukunft wird weisen, ob es dabei bleibt.