Es sagt etwas über das Standing einer Sportart aus, wenn über den nationalen Verband nicht einmal ein eigener Wikipedia-Eintrag existiert. Das könnte (ja müsste) sich im Fall der österreichischen Kunstbahnrodler nun eigentlich umgehend ändern. Denn während die sonst medial im Erfolgs- und Rampenlicht stehenden Alpin-Ski-Stars (ohne Marcel Hirscher) schwächeln, haben sich die rot-weiß-roten Rodel-Asse bei den am Sonntag in Sotschi zu Ende gegangenen Weltmeisterschaften in eben dieses (wieder) fulminant zurückgemeldet. Nach fünf Medaillen 2019 in Winterberg holte die Mannschaft von Sportchef Rene Friedl auch in Russland drei Mal Edelmetall, wobei dem Funktionär vor allem der Doppelpack von Jonas Müller (Silber) und Wolfgang Kindl (Bronze) im Einsitzerbewerb der Herren lange in Erinnerung bleiben wird. Und wäre der Halbzeitführende und WM-Zweite im Sprint, David Gleirscher, nicht so unglücklich gestürzt, es wäre vielleicht sogar noch Gold drinnen gewesen.

Das ist angesichts der guten Platzierungen, welche die Österreicher in den vergangenen Jahren bei EM- und WM-Turnieren und bei Olympischen Spielen erreicht haben, gar nicht einmal so überraschend. Erstaunlich ist nur, dass die Leistungen von Sotschi kaum etwas an Konstanz missen ließen, waren doch diese Titelkämpfe auf der Olympiabahn von 2014 unter keinem guten Stern gestanden. Das hatte zunächst damit zu tun, dass das heimische Nummer-1-Duo im Doppelsitzer, Thomas Steu und Lorenz Koller, durch einen Beinbruch Steus ausgefallen war. Immerhin hatte der Vorarlberger gemeinsam mit seinem Tiroler Kompagnon zuletzt zu drei Medaillen (Doppelsitzer, Sprint, Team) beigetragen. Umso positiver fiel auch daher Friedls Bilanz aus. "Ich bin fast sprachlos, ein Wahnsinn, was wir erreicht haben. Wir haben unsere Ziele bei weitem übertroffen", erklärte er in Sotschi. "Für David tut es mir sehr leid, auf der anderen Seite zeigen die Erfolge von Jonas und Wolfgang, dass auf unsere Heimat Verlass ist."

Platz zwei in WM-Bestenliste

Bei Olympiasieger Gleirscher war die Freude freilich gedämpft, er musste sich mit der Rolle der tragischen Figur des Tages abfinden. Tatsächlich hätten die Voraussetzungen für einen neuerlichen Triumph nicht optimaler sein können. Mit Bahnrekord (51,466 Sekunden) nach dem ersten Lauf vor dem Russen Roman Repilow in Führung, vergab der Tiroler die Chance auf eine weitere Goldmedaille nach jener von Pyoengchang 2018 und die angestrebte Krönung der Saison. "Es ist ganz schnell gegangen. Ich war in Kurve zehn zu früh drauf, und plötzlich bin ich auf der Seite gelegen", erklärte Gleirscher, der in dieser Saison seinen ersten Weltcupsieg eingefahren hatte. "Es ist lässig, dass wir heute zwei Medaillen gemacht haben."

Dass es im Teambewerb kein Edelmetall zu holen gab und nur ein fünfter Rang erreicht werden konnte, war wiederum einem schweren Fehler geschuldet. Jonas Müller, Madeleine Egle, Yannick Müller und Armin Frauscher hatten aufgrund eines uneinholbaren Rückstandes von 1,010 Sekunden das Nachsehen - hinter den Siegern aus Deutschland. Der nördliche Nachbar ist halt, wie ein kurzer Blick auf den ewigen Medaillenspiegel verrät, beim Kunstbahnrodeln das Maß aller Dinge. Bereits 273 Mal waren die Deutschen seit der Gründung ihres nationalen Rodelverbands 1911 bei Weltmeisterschaften auf dem Stockerl gestanden, dabei glänzten 114 der Medaillen in Gold. Was aber nur wenige wissen: Österreich liegt in der WM-Bestenliste mit 92 Medaillen (davon 23 in Gold) auf Rang zwei, und das mit Respektabstand vor Italien (63 Medaillen) und Polen (16). Zumindest diese Information findet sich auf Wikipedia.