Es war eine Nachricht, die während der Fußball-Europacup-Woche und angesichts der Bedrohung durch das grassierende Coronavirus, das längst auch den Sport erfasst hat, beinahe untergegangen wäre. Im US-Radio hatte Thomas Vanek, Österreichs erfolgreichster und längstdienender Export in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL, angekündigt, seine Karriere zu beenden, sollte er am letzten Tag der sogenannten Trade Deadline keinen neuen Verein gefunden haben. Es sei "okay" für ihn, sagte der 36-Jährige. Das vergangene Jahr, das er nach seinem bisher letzten NHL-Einsatz für die Detroit Red Wings im März 2019 zu Hause bei der Familie, bei seiner Frau Ashley und den drei Söhnen verbracht habe, habe er sehr genossen, weswegen er sich nun nicht zwanghaft nach einem neuen Verein umsehen werde. "Ich bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe."

Dazu hat Vanek freilich auch allen Grund: Er absolvierte mehr als 1000 Spiele in der NHL, war zweimal fünftbester Torschütze (2006/07 und 2008/09), ist mit 373 Treffern im Grunddurchgang die Nummer 120 in der 102-jährigen NHL-Geschichte und bei den Powerplay-Toren (137) sogar auf Platz 73.

Bestverdienender Eishockey-Spieler der Welt

Im Dress der Buffalo Sabres war 2007 sein Highlight-Jahr: Vanek beendete die Saison mit 43 Toren und als Sieger der Plus/Minus-Wertung (bei Toren der eigenen Mannschaft auf dem Eis/plus beziehungsweise bei Gegentreffern/minus), stand mit den Sabres im Conference-Finale und erhielt am 6. Juli eine Vertragsverlängerung. Buffalo ließ sich seine Dienste für sieben Jahre 50 Millionen Dollar kosten. Mit einem Jahresgehalt von 10 Millionen Dollar war er weltweit der Top-Verdiener im Eishockey. Im Oktober folgte die Ehrung zu Österreichs Sportler des Jahres 2007. "Ich kann auf eine komplette Karriere zurückblicken. Vom Eishockey her würde ich nichts ändern. Das war unglaublich", hatte Vanek zu Jahresbeginn 2019 im Interview mit der Austria Presse Agentur anlässlich seines tausendsten Spiels im NHL-Grunddurchgang erklärt.

Mittlerweile ist die Transferfrist abgelaufen - und damit auch Vaneks aktive Zeit in der NHL. Jene, in der Österreicher in der besten Liga der Welt die rot-weiß-roten Fahnen hochhalten, ist es freilich nicht. Aktuell spielen in Michael Raffl, der mit den Philadelphia Flyers auf dem besten Weg in die Play-offs ist, und Michael Grabner, der mit den Arizona Coyotes ins Hintertreffen geraten ist, zwei Österreicher in der NHL. Geschieht nicht etwas Unvorhergesehenes, werden sie bald Nachschub bekommen. Denn auf zweiter Ebene, in der kanadischen Ontario Hockey League (OHL), sorgt derzeit ein junger Vorarlberger für Furore: Marco Rossi, geboren 2001 und also zu einer Zeit, in der Vanek gerade in der US-Juniorenliga durchstartete, gilt als größtes Talent Österreichs seit Vanek und eine der heißesten Aktien für den anstehenden NHL-Draft. Als erster Spieler der Saison hat der 18-Jährige vor einigen Tagen die Marke von 100 Scorerpunkten in der OHL geknackt und damit mehr als jeder andere Österreicher zuvor in dieser hochklassigen Liga erzielt. 47 Saisonspiele brauchte Rossi für 67 Assists und 33 Tore.

Viele Wege führen in die NHL

James Boyd, General Manager seines Vereins Ottawa 67s, weiß wahre Wunderdinge von Rossi zu berichten: "Er ist ein phänomenaler Spieler. Einfach phänomenal. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber für mich ist er der beste Spieler der Liga. Er ist davon besessen, besser zu werden. Andere sind auch interessiert daran, aber er ist besessen davon", wird Boyd auf theathletic.com zitiert. Boyd vergleicht Rossi nicht nur mit Vanek, sondern mit anderen, noch größeren Größen des Sports: "Wenn ich ihm sage, er soll ein Pfund Sonnenblumenkerne essen, weil es ihm in die NHL hilft, würde er es tun. Man hat solche Dinge von Sid Crosby und Shea Weber gehört, als sie Junioren waren. Ich sehe diese Dinge genauso bei Marco. Nichts wird ihn stoppen."

. . . Marco Rossi (M.) einer großen Zukunft voraus. - © afp/Getty, G. Abel
. . . Marco Rossi (M.) einer großen Zukunft voraus. - © afp/Getty, G. Abel

Im Vergleich zu Vaneks ersten Schritten auf dem Eis nahm die Karriere des jungen Vorarlbergers freilich einen anderen Verlauf. Während Ersterer, in Baden geborener und in Zell am See und Graz aufgewachsener Sohn tschechoslowakischer Einwanderer, schon mit 14 Jahren sein Glück in Übersee versuchte und sich dort über Highschool und College hocharbeitete, spielte Rossi zunächst im Nachwuchs der VEU Feldkirch, bei der sein Vater engagiert war, dann bei den ZSC Lions in der Schweiz, ehe er vor eineinhalb Jahren nach Ottawa ging. Schon in seiner ersten Saison hielt der Vorarlberger jenes Versprechen, das er unter anderem mit dem Titel des Torschützenkönigs bei der U18-WM 2017 gegeben hatte - und das, obwohl er früher als eher schmächtiger Spieler galt. "Aber er hat immer einen Weg gefunden, sich durchzusetzen", sagte Vater Michael einmal zu laola1.at. Da Rossi im Vorjahr knapp die Altersgrenze für den NHL-Draft unterschritten hatte, hatte er nun ein weiteres Jahr zur Entwicklung - und etwaige körperliche Defizite aufgeholt.

Möglicherweise wird schon bald er es sein, zu dem jüngere Spieler aufschauen können. Denn auch die heute 12- 13-Jährigen Österreichs zeigten erst am Wochenende mit dem Sieg beim hochklassigen Pree-Wee-Turnier auf, bei dem Vanek 1998 erstmals internationale Scouts auf sich aufmerksam gemacht hatte. Ebenso möglich scheint es, dass Rossi oder einer von ihnen in Zukunft einmal in anderer Funktion mit Österreichs bisher größtem NHL-Star Bekanntschaft macht. Denn Vanek strebt für die Zeit nach seiner Karriere eine als General Manager in der NHL an. "Ich habe mir viele Notizen gemacht, was die Burschen wirklich mögen. Denn am Ende des Tages kommt es darauf an", sagt er. Und nach 14 Jahren, 1098 Spielen und 394 Toren für neun Teams in der NHL muss der Mann wissen, wovon er spricht.