Aus der geplanten Rekordsaison könnte ein Rumpfkalender werden: Die bevorstehende Formel-1-Saison 2020 sollte eigentlich die bisherige Höchstzahl von 22 Rennen umfassen - aufgrund der globalen Turbulenzen rund um das Coronavirus dürfte daraus aber nichts werden. Nach der bereits vollzogenen Absage des für 19.April geplant gewesenen Grand Prix von China stehen nun gleich die ersten drei Saisonrennen in der Motorsport-Königsklasse an der Kippe. Vor allem aufgrund von Anreiseschwierigkeiten durch gesperrte Flughäfen - und Restriktionen gegen die in Norditalien beheimateten Scuderia Ferrari und Pirelli.

Australien blockiert Einreise

Traditionell findet der Saisonauftakt in Australien statt, diesmal sollen die Boliden am 15.März durch den Albert-Park-Circuit von Melbourne kurven. Die Vorbereitungen dafür laufen längst auf Hochtouren, und normalerweise hätten die Teams ihre ersten Mitarbeiter kommende Woche nach Down Under beordert. Die große Frage ist allerdings, wie die Teams samt Equipment hinkommen sollen, wenn wichtige Drehkreuze gesperrt sind. Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko äußerte am Mittwochabend im ORF große Bedenken: "Australien will Leute, die über Singapur oder Hongkong kommen, nicht einreisen lassen."

Doch selbst, wenn die logistische Meisterleistung gelänge und der Auftakt in Melbourne wie geplant stattfinden kann - von dort zur nächsten Station nach Bahrain zu fliegen, wird umso schwieriger. Denn keine Woche später (Rennen am 22.März) sollen die Motoren in Sachir glühen. Momentan wäre diese Variante aber undenkbar, weil Bahrain alle Flüge aus Dubai und Singapur - beides für die Motorsport-Königsklasse prioritäre internationale Drehkreuze - wegen der Pandemie-Angst gestoppt hat.

Und dann wäre noch das dritte beabsichtigte Rennen in Vietnam, das am 5. April über die Bühne gehen soll. Die Regierung des Nachbarstaats von China reagiert auf die Bedrohung durch Covid-19-Erkrankte besonders restriktiv und hat aktuell allen Personen, die aus Infektionsgebieten kommen, die Einreise verboten. Bleibt diese Maßnahme aufrecht, ist die Formel-1-Premiere in Hanoi - rund 150 Kilometer von der Grenze zu China entfernt - vorerst aufgeschoben. Denn dann müsste das traditionsreichste Team des Motorsports (Ferrari) zusehen - und das ist denkunmöglich. Denn in Norditalien ist die Zahl der Todesopfer am Donnerstag auf 14 gestiegen - die Zahl der Infektionen stieg auf 528 Fälle, die meisten davon in der Lombardei.

Außer der Scuderia (Sitz in Maranello) wäre aber auch Reifenhersteller Pirelli (aus Mailand), sowie das Red-Bull-Zweitteam AlphaTauri (mit Sitz in Faenza) vom Einreisestopp betroffen. Ferrari hat übrigens schon selbst Schutzmaßnahmen gegen ein Ausbreiten der Epidemie verfügt und das Ferrari-Museum geschlossen - auch Fabrik-Touren für Touristen sind bis auf weiteres ausgesetzt.

Auftakt in Zandvoort?

Allerdings dürften die vietnamesischen Behörden wohl von sich aus eine Absage anordnen: "Wenn die Situation im März kompliziert wird, wenn es gestoppt werden muss, dann müssen wir es absagen", sagte der Präsident des Volkskomitees der Stadt Hanoi, Nguyen Duc Chung Chung, am Mittwoch.

Alles in allem droht der Formel1 damit eine Absageflut samt Chaos, das aus heutiger Sicht gar nicht bezifferbar ist: "Es ist nicht absehbar, wie die speziellen Endauswirkungen sein werden", meinte Marko. Als möglicher Saisonauftakt rückt daher das erste Europarennen am 3. Mai im niederländischen Zandvoort in den Fokus - es wäre ein ganz besonderes Comeback des Traditionskurses nach 35 Jahren Absenz im Rennzirkus.

Krisengipfel in Barcelona

Wie es nun weitergehen soll, muss jedenfalls rasch entschieden werden - und zwar in den nächsten Tagen am Rande der aktuell laufenden Testfahrten in Barcelona. Gemeinsam mit dem Weltautomobilverband FIA und den Teams soll von der Formel 1 ein Krisenszenario für die WM-Saison 2020 entworfen werden.

Ebendort gab es am Mittwoch übrigens eine kleine Überraschung: Der Pole Robert Kubica hat in Montmelo am ersten Tag der zweiten Testwoche im Alfa Romeo nämlich die Bestzeit markiert. Der Testfahrer lag 0,405 Sekunden vor Max Verstappen im Red Bull und 0,486 vor Sergio Perez im Racing Point. Das Weltmeisterteam Mercedes begnügte sich mit den Plätzen sieben durch Lewis Hamilton (+0,620) und neun durch Valtteri Bottas (+1,158).