In den vergangenen Tagen hatten die Erklärungen noch beinahe trotzig geklungen. Die Wörter "We want to run" prangten quer über einem malerischen Bild der von Zehntausenden Läufern frequentierten Reichsbrücke auf jeder Pressemitteilung, die die Veranstalter des Vienna City Marathons herausgaben. Während in ganz Europa mehr oder minder im Minutentakt Sportveranstaltungen abgesagt, verschoben oder - mindestens - ohne Zuschauer angesetzt wurden, erwiesen sich die Wiener Marathonis als standhaft bis zuletzt. Doch spätestens mit dem am Dienstag verkündeten Erlass der Bundesregierung, wonach Veranstaltungen ab 500 Personen im Freien zu untersagen sind, war klar, dass das nicht mehr aufrechtzuerhalten sein würde. Einen Tag darauf kam nun die offizielle Bestätigung. Der Vienna City Marathon und seine Rahmenveranstaltungen am 18./19. April, bei denen insgesamt rund 45.000 Teilnehmer erwartet wurden, können nicht ausgetragen werden, auch ein Ersatztermin wurde nicht gefunden.

"Im Lichte einer länderübergreifenden Gesundheitskrise sowie aus Verantwortung gegenüber allen Läuferinnen und Läufern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der gesamten Bevölkerung können wir nicht anders, als von einer Durchführung des Vienna City Marathons abzusehen", sagte Veranstalter Wolfgang Konrad. Der Marathon reiht sich damit nahtlos in eine ganze Reihe an Großveranstaltungen, die nicht - beziehungsweise nicht zum geplanten Zeitpunkt oder nicht im vollen Umfang - stattfinden können.

Sport will Forderungen stellen

In Österreich hatte bereits am Dienstag die Erste-Bank-Eishockey-Liga zu drastischen Maßnahmen gegriffen, die weitere Saison gestrichen und damit ohne Meister beendet; die Fußball-Bundesliga pausiert zumindest für zwei Wochen - anders als die Amateurligen, die laut ÖFB unter Berücksichtigung der 500-Menschen-Grenze ihren Betrieb fortsetzen sollen.

Am Mittwoch setzte die Volleyball-Liga den Betrieb zumindest bis auf weiteres aus, auch die Meisterschaften im Basketball und Handball pausieren bis mindestens Anfang April.

Der österreichische Fußballbund wiederum muss im Testspiel gegen die Türkei am 30. März auf Publikum verzichten und das Spiel - wie es mittlerweile auch im Europacup und den meisten nationalen Ligen mehr Regel als Ausnahme ist - vor Geisterkulisse austragen. Inzwischen haben sich in Deutschland auch schon Experten gefunden, die über die psychischen Auswirkungen solcher Spiele auf die Akteure dozieren. "Man wird beim Einlaufen nicht bejubelt oder ausgepfiffen, es gibt keinen Rummel und keinen Lärm drumherum, und obwohl der gesamte Rahmen eines Bundesligaspiels gegeben ist, ist die Situation eine völlig neue", sagt Fabian Pels von der Sporthochschule Köln. Dies führe dazu, dass die Spieler mitunter sogar verängstigt in eine Partie gehen und zu Beginn nicht ihr volles Leistungsrepertoire ausschöpfen könnten.

Der psychologische Aspekt ist freilich das eine, der wirtschaftliche noch einmal schwererwiegend einzuschätzen. Während der Fußball mittlerweile vorzeigt, dass er auch als Mediensport funktioniert und die Ticketeinnahmen zumindest in höheren Klassen nicht den Löwenanteil ausmachen, ist der Entgang an Erlösen für kleinere Vereine, vor allem in medial weniger beachteten Sportarten beträchtlich. Hans Niessl, der Präsident der Bundessportorganisation Sport Austria, will daher gemeinsam mit den Vertretern der Verbände Forderungen an öffentliche Stellen beziehungsweise die Regierung zu richten. Zwar haben die meisten Beteiligten Verständnis für die Maßnahmen zur Eindämmung der Sars-CoV2-Ausbreitung; für Niessl ist aber auch klar: "Der Sport darf keinen Schaden nehmen." Zu klären seien zum einen die unterschiedlichen Bedürfnisse, zum anderen eventuelle Absicherungen durch Versicherungen - "dann würden sich die Forderungen reduzieren", sagte der frühere burgenländische Landeshauptmann. Als Ansprechstelle für in der Praxis auftauchende Fragen wünscht sich Niessl eine schnell zu installierende Kompetenzstelle. Noch mehr freilich hofft er, "dass ab April wieder Normalbetrieb herrscht". Doch auch diese Hoffnung hat man in den vergangenen Wochen vielerorts schon gehört.(art/apa)