Es hätte alles so rund laufen können. Eigentlich wollte ja die Formel 1 am Sonntag in Melbourne in die neue Rennsaison starten und damit den Anstoß für die kommenden Feiern anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens geben. Dass daraus nichts wurde, liegt nicht etwa an den jüngsten Buschfeuern oder einer Blockade durch Klimaschützer, sondern an einem nicht sichtbaren Feind namens Sars-CoV2, besser bekannt als Coronavirus. Bestätigte Infektionen von drei Mitarbeitern der Rennställe McLaren und Haas führten dazu, dass in Australien alles zum Stillstand gebracht wurde - ein Szenario, das der Reifensport in seiner mehr als 130-jährigen Geschichte bisher noch nicht erlebt hat. Selbst zu den Zeiten der Spanischen Grippe nicht, als 1918/19 Europa und der Rest der Welt von einem Virus erfasst und mehr als 50 Millionen Menschen dahingerafft wurden.

Dabei waren damals, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, Automobile noch Mangelware, die einzigen Rennen, die daher abgesagt werden mussten, waren in der Regel nur Pferderennen. Allerdings wollten die meisten Menschen, obwohl das Heer der Toten täglich zunahm, das Ausmaß der Pandemie bis zuletzt nicht wahrhaben - auch in Wien nicht, wie diese Zeitungsnotiz vom 3. November 1918 zeigt: "Ein Ereignis, das in der Geschichte des Rennsports in Österreich ohne Beispiel dasteht, traf dessen Freunde am Samstag in unliebsamer Weise", schrieb die "Allgemeine Sport-Zeitung" etwas skandalisierend, "die Statthalterei ordnete die Aufhebung der laufenden Freudenauer Rennen wegen der in Wien herrschenden epidemischen Krankheit, der spanischen Grippe, an. Das über Nacht gekommene Verbot bildete eine vollkommene Überraschung für alle beteiligten Kreise."

"Born 1950" in Silverstone

Nun dürfte die Absage des Auftakts in Melbourne für die Organisatoren, Teams und Fans - angesichts der täglichen Meldungen - diesmal nicht so überraschend gekommen sein. Dennoch ist die Enttäuschung angesichts der intensiven Vorbereitungen, die man für dieses Rennen und die bevorstehenden Feierlichkeiten getroffen hatte, groß. So steht aufgrund der Covid-19-Pandemie nicht nur das geplante Fan-Festival in Kyalami, Südafrika, auf der Kippe, sondern auch die Jubiläumsparty am 16. Mai in London. Der Ort ist freilich nicht zufällig gewählt, wurde doch die FIA Formula One World Championschip am 13. Mai 1950 in Silverstone "geboren", wie auch das Jubiläumslogo "Born 1950" andeutet. Seitdem wird die Formel 1 jährlich in derzeit 21 einzelnen Rennen, Grand Prix genannt, ausgetragen, wobei ihr die Einhaltung von Leistungskriterien (Formeln) und die damit verbundenen Ansprüche an Fahrer, Techniker und Konstrukteure den Rang der Königsdisziplin des Automobilsports eingeräumt haben.

Erster "König" der Kreisfahrer wurde (nach sieben Rennen) der Italiener Giuseppe "Nino" Farina, der seinen Mitbewerber Juan Manuel Fangio (Arg) auf den zweiten Platz verwies. Noch, muss man sagen, wurde doch der Südamerikaner in den Folgejahren gleich fünf Mal die Nummer eins, ehe er 1958 - dem Jahr, in dem erstmals auch die Teams mit dem Weltmeistertitel geehrt wurden - dem Renngeschehen den Rücken kehrte. Auf die argentinische Ära folgte in den 1960er die britische, als Rennfahrer wie Jim Clark, Graham Hill, Jackie Stewart und John Surtees die Formel 1 dominierten und insgesamt sechs Mal den Titel holten. Möglich wurde dies unter anderem auch durch technische Neuerungen, etwa die Erhöhung des Hubraums von 1,5 auf 3 Liter oder neue Experimente mit Front- und Heckflügeln.

Umdenken nach Senna-Tod

Mit dem technischen Fortschritt stieg auch die Geschwindigkeit - und damit die Unfallgefahr. So standen die 1970er Jahre ganz im Zeichen des Unfalltods von Jochen Rindt (D) in Monza (der sogar posthum zum Weltmeister erklärt wurde), und dem schweren Feuercrash von Niki Lauda am Nürburgring. 1982 verunglückte der Kanadier Gilles Villeneuve in Spa tödlich, allerdings zu einem Umdenken in Sachen Sicherheit kam es erst nach dem Tod von Aryton Senna (Bra) und Roland Ratzenberger (Ö) binnen zwei Tagen in Imola 1994. Entschleunigende Sicherheitsmechanismen wie etwa Rillenreifen (um die Kurvengeschwindigkeit zu verringern) sowie Änderungen bei der Aerodynamik führten dazu, dass seitdem in der Formel 1 keine Todesopfer mehr zu beklagen waren - auch wenn es knapp wurde: 1999 erlitt der junge Michael Schumacher einen schweren Unfall in Silverstone, kehrte aber nach seiner Genesung triumphal zurück und holte sich insgesamt sieben Mal den WM-Titel. Ein ähnlich eindrückliches Comeback ist nur Lauda gelungen, als er 1984 dem Franzosen Alain Prost mit nur 0,5 Punkten, dem knappsten Vorsprung in der Renngeschichte, den WM-Titel wegschnappte.

Der im Mai 2019 verstorbene Lauda liegt mit drei WM-Titeln in der ewigen Bestenliste der Formel 1 auf dem sechsten Rang, nur Sebastian Vettel, Prost (jeweils 4 Titel), Fangio und Lewis Hamilton (jeweils 5) halten bei mehr. Wobei sich der Brite anschickt, den großen Schumacher vom Stockerl zu stoßen. Lediglich vier Grand-Prix-Siege und ein WM-Titel fehlen Hamilton, um mit dem Deutschen gleichzuziehen. In Melbourne hat ihm der Virus nun vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Ich bin schockiert, dass wir in diesem Raum sitzen", sagte der 35-Jährige in Melbourne. Er ist nicht der Einzige, der sich daran wird gewöhnen müssen.