Ob Work-out vor den Bildschirmen und Laptops, Durchhalteparolen oder lustige Videos - seit Anbeginn der Ausgangssperren und -beschränkungen im Zuge der Coronavirus-Pandemie suchen Sportler Mittel und Wege, die Fans bei Laune zu halten. Die Flandern-Rundfahrt geht aber nun noch einen Schritt respektive Pedaltritt weiter: Weil das echte Rennen für Sonntag abgesagt werden musste, rittern die Profis eben im virtuellen Raum um den Sieg.

Die Flandern-Rundfahrt gilt als einer der Frühlingsklassiker im internationalen Radsport, 1913 wurde sie erstmals ausgetragen, nur im Ersten Weltkrieg hatte sie eine nennenswerte Pause. Und eine solche will man heuer nicht in Kauf nehmen - wenn auch Umstände und Teilnahmebedingungen besondere sind. Anstatt dass die Fahrt von Antwerpen nach Oudenaarde, die die Profis über viele Anstiege und durch enge Gassen vor taktische Herausforderungen stellt und die Zuschauer in Scharen an die belgischen Straßen bringt, wie gewohnt ausgetragen wird, will sie die letzten 32 Kilometer des Rennens nun live in die Wohnzimmer der Menschen bringen. Inkludiert sind immerhin der Oude Kwaremont und der Paterberg; insgesamt 13 Fahrer von Teams wie EF Pro Cycling und Mitchelton-Scott, darunter Vorjahressieger Alberto Bettiol, werden - auf ihren Hometrainern sitzend und ohne Gage - den Sieger küren. Parallel zur virtuellen Übertragung des Rennens, das von den Technologie-Partnern Bkool und Kiswe unterstützt und auf deren Plattformen zu verfolgen sein wird, wird eine Radioshow über 104 Jahre Flandern-Rundfahrt konzipiert.

Tour de France wartet ab

Es ist ein Modell, das zwar ungewöhnlich klingt - doch ungewöhnliche Umstände erfordern bekanntlich ungewöhnliche Maßnahmen. Insofern könnte es in Zeiten, in denen an einen normalen Sportbetrieb nicht zu denken ist, durchaus Schule machen. Schließlich wurde am Freitag auch die Durchführung der Tour de Suisse, des wichtigsten Vorbereitungsrennens zur Tour de France, abgesagt - und stattdessen "The Digital Suisse 5" ins Leben gerufen, bei der sich in einer Serie jedermann mit Profis messen kann.

Die Veranstalter der Tour de France indessen wollen von einer Absage oder einer Austragung ohne Fans nichts wissen. Der 27. Juni bleibe vorerst als Starttermin unangetastet, sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme dieser Tage - wenngleich auch er einräumte, dass es wichtigere Dinge gebe. "Im Namen Tour de France ist das wichtigste Wort ‚Frankreich‘. Die Gesundheitssituation im Land ist das, was zählt. Ich möchte, dass die Tour de France im Sommer stattfindet - und zwar nicht im Interesse der Tour. Findet sie nicht statt, bedeutet es, dass das Land in einer katastrophalen Situation ist", sagte Prudhomme dem Internetportal Sports-Auvergne.fr.

Formel 1 fährt virtuell

Eine Austragung im virtuellen Raum kann sich dort freilich keiner vorstellen. Andere Sportarten indessen gehen jetzt schon einen ähnlichen Weg wie die Flandern-Rundfahrt. So findet etwa am Sonntag (21 Uhr/ORF Sport+) das zweite Rennen der F1-Esports-Virtual-Grand-Prix-Serie statt. Gefahren wird auf dem virtuellen Kurs in Melbourne. Das Auftaktrennen der Serie in Bahrain hat der 20-jährige chinesische Formel-2-Pilot Guanyu Zhou gewonnen. In Melbourne werden insgesamt 28 Runden absolviert, davor werden in einem Qualifying die Startplätze festgelegt. Mit von der Partie ist diesmal Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Der 22-jährige Monegasse ist einer von insgesamt fünf Stammpiloten aus der Motorsport-Königsklasse, die ihre Teilnahme angekündigt haben. Auch die MotoGP-Profis sind bei Playstation-Rennen aktiv.

Fragt sich nur, wann Cristiano Ronaldo und Lionel Messi ihr erstes, live übertragenes Fußball-Match auf "Fifa 20" zum Gemeinwohl absolvieren. Das wäre dann tatsächlich eine ungeahnte Auswirkung der Coronavirus-Pandemie.