Manchmal halten sich Klischees hartnäckig. Und manchmal ist das sogar gut so. Denn all das, was dem Golfsport von Skeptikern, Naturmuffeln und Actionjunkies bisweilen angekreidet wird - man latscht stundenlang mehr oder minder einsam über den Rasen -, macht den Golfsport in Zeiten wie diesen über Nacht zum Pionier in Sachen Sportbetrieb. Als Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler vor zwei Wochen die schrittweise Öffnung des (Breiten-)Sports angekündigt hatte, war Golf eines der ersten Dinge auf seiner Liste an Freizeitaktivitäten, die ab 1. Mai wieder erlaubt sein sollen. "Wir haben natürlich den Vorteil der Fläche. Wenn sich auf einem Golfplatz, der mindestens 60 Hektar umfasst, hundert Menschen bewegen, ist das mit der Abstandsregel überhaupt kein Problem", sagt Robert Fiegl, der Generalsekretär des österreichischen Verbandes, in der Sendung Club ORF Sport+.

Mehr als hundert solcher Golfklubs gibt es in Österreich, mehr als 100.000 Sportlerinnen und Sportler sind bei Vereinen im fünftgrößten Verband des Landes registriert. Für sie alle gelten freilich auch ab Freitag strenge Regeln, Hausordnungen und Empfehlungen - auch wenn die Babyelefantenpuppen, die man angedacht habe, wohl nicht kommen werden, wie Fiegl scherzhaft sagt. Was dagegen fix kommt, sind Online-Reservierungen mit festgelegten Zeiten, ohne die man den Klub nicht betreten darf, Desinfektionsspender, Masken und teilweise Handschuhe in den Innenräumen sowie das Verbot, Fahnenstangen anzugreifen. Auch die Bunkerrechen werden entfernt, damit es zu keiner Kontaminierung durch Kontakt kommen kann.

"Wir müssen halt auf die Umarmung nach dem letzten Loch verzichten. Sonst ändert sich nicht viel."

Golf-Proette Christine Wolf

Während Österreichs Hobbygolfer ab Freitag in den Genuss der neuen Maßnahmen kommen, konnten die Profis diese bereits seit einer Woche austesten. Für sie war es schon ab 20. April gestattet, die Sportanlagen wieder zu betreten. "Klarerweise gelten auch für uns dieselben Regeln wie für alle", sagt Proette Christine Wolf. Große Probleme sieht sie aber nicht: "Es ist ja nicht so, dass wir sonst dauernd Körperkontakt hätten. Wir müssen halt auf die Umarmung am letzten Loch verzichten."

Wolf ist eine der österreichischen Topgolferinnen. Vor vier Jahren hat die 31-Jährige die rot-weiß-roten Fahnen bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro hochgehalten, im Herbst ihr erstes Turnier auf der Ladies European Tour gewonnen. Wie der gesamte heimische Golfsport, wie ihre männlichen Kollegen mit Bernd Wiesberger und Matthias Schwab an der Spitze, wurde auch die Tirolerin Mitte März unsanft aus einem höchst erfolgreichen Alltag gerissen. Darüber, dass dieser bald wieder zurückkehrt, macht sie sich keine Illusionen. Auch wenn Österreich die Maßnahmen nun weiter lockert und in den USA ab Mitte Juni wieder Turniere unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden sollen, ist eine echte Normalität noch recht weit weg und eine gewisse Unsicherheit vorhanden. Derzeit steht weder fest, ob die auf 2021 verschobenen Olympischen Spiele wie geplant stattfinden können, noch ob der Ryder Cup, der prestigeträchtige Kontinentalvergleich zwischen den besten männlichen Golfern aus den USA und Europa im September, erstens überhaupt und zweitens mit Zuschauern über die Bühne gehen kann.

Wolf, Wiesberger und Schwab versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. "Man arbeitet halt an der Technik oder anderen Dingen, die sonst während der Saison hintanstehen müssen", sagt Wolf. "Es ist eigentlich wie früher auf niederklassigen Turnieren während der Winterpause." Ähnlich sehen dies Wiesberger und Schwab, die sich nach ihrer jeweiligen Rückkehr aus Florida beziehungsweise Katar zuletzt in der Heimat in Bad Tatzmannsdorf beziehungsweise Rohrmoos bei Schladming fit gehalten haben.

Bernd Wiesberger ist als Nummer 26 der eingefrorenen Weltrangliste in einer privilegierten Position. - © APAweb / afp, Cliff Hawkins
Bernd Wiesberger ist als Nummer 26 der eingefrorenen Weltrangliste in einer privilegierten Position. - © APAweb / afp, Cliff Hawkins

Wiesberger, Nummer 26 in der derzeit eingefrorenen Weltrangliste, sieht sich selbst gegenüber manch einem Konkurrenten sogar ein bisschen im mentalen Vorteil. 2018 hatte er aufgrund einer Handgelenksverletzung lange pausiert - und im Jahr darauf mit drei Turniersiegen ein fulminantes Comeback gefeiert. "Damals wurde ich auch abrupt aus dem Turniertrott herausgerissen. Ich habe also gewisse Vorkenntnisse, wie man mit so einer Situation umgeht", sagt er. Dabei sind sich Wiesberger, Schwab und - trotz des geringeren Preisgeldes bei Frauen - auch Wolf bewusst, dass sie sich als Profis auf den Toptouren in einer privilegierten Situation befinden.

"Situationen wie im Baumarkt werden wir verhindern."

ÖGV-Generalsekretär Robert Fiegl

Schwieriger wird es freilich für Spieler in niedrigeren Turnierkategorien, für Veranstalter und Vereine sein, die Einnahmeneinbußen durch den verspäteten Saisonstart zu kompensieren. Fiegl und Niki Zitny, Sportdirektor des heimischen Verbandes, hoffen auf die öffentliche Hand, von der bisher wenig Konkretes bekannt sei, auf einen schönen Sommer und goldenen Herbst. Besserung ist freilich durch die Öffnung in Sicht, vielleicht ermöglicht die plötzliche Pionierrolle sogar neue Impulse. Denn die ersten Rückmeldungen bezüglich der Reservierungen verheißen Positives, manche Zeiten sind jetzt schon ausgebucht. Nur eines ist für Fiegl auch klar: "Situationen wie an den ersten Tagen in den Baumärkten werden wir verhindern."