Mark Cavendish radelte auf den Mount Everest. Alex Albon brauste am schnellsten über den Kurs in Interlagos. Und Magnus Carlsen gewann ein hochkarätig besetztes Schachturnier. Wer glaubt, der Sport stehe in Corona-Zeiten komplett still, muss sich alleine nur die Veranstaltungen oder Eigeninitiativen mit und von diversen Sport-Topstars ansehen, die an diesem Wochenende im virtuellen Raum viral gegangen sind. Freilich finden viele von ihnen zwar aktuell nur auf der Konsole oder – wie bei Cavendish – auf dem Hometrainer statt, doch dass es auch anders geht, zeigten unter anderem die Hochspringer Amand Duplantis, Renaud Lavillenie und Sam Kendricks, die beim "Ultimate Garden Clash" den jeweils eigenen Garten zur Hochsprung-Showbühne gemacht haben und bis zu 36 Mal binnen einer halben Stunde die Fünf-Meter-Grenze überwunden haben – oder auch die mehr als 27.000 Läufer, die sich am Sonntag beim Wings-for-Life-Run diesmal einzeln auf den Weg gemacht haben, um für ein gemeinsames Ziel, das Auftreiben von Spenden für die Rückenmarksforschung, zu schwitzen.

In kleinen Gruppen können Profisportler mittlerweile lokal begrenzt unter Einhaltung der Corona-Maßnahmen auch schon Live-Veranstaltungen in ihrer tatsächlichen Sportart abhalten wie im Tischtennis bei der Top-of-Austria-Challenge, die am Samstagabend an die oberösterreichische Spielerin Lia Jia ging. Auch im Tennis erwägt man mittlerweile sowohl in Österreich und Deutschland als auch in Frankreich eigene Turnierserien mit einem festzulegenden (und durchzutestenden) Protagonistenkreis.

Ein bisserl Altruismus ist auch dabei

Die Motive, derartige Veranstaltungen zu organisieren, sind mannigfaltig: Die Sportler wollen fit, die Menschen bei Laune und die Sportarten im Gespräch gehalten bleiben. Zudem werden die Bewerbe immer wieder auch zu dem Zweck genützt, Spenden zu lukrieren, wie auch bei einem hochkarätigen virtuellen Tennis-Turnier, das in der Nacht auf Montag an den US-Amerikaner Taylor Fritz ging. Er hat bei der Veranstaltung eine Million Dollar (914.000 Euro) für den guten Zweck erspielt. "Ich war nervöser als bei all meinen echten Spielen", sagte Fritz laut der Website der Tennisvereinigung ATP am Montag. "Es hat so viel Spaß gemacht."

Das Preisgeld kommt der US-Hilfsorganisation No Kid Hungry zugute, die sich für hungernde Kinder in den USA einsetzt. An dem "Stay at Home Slam" auf der Nintendo-Konsole nahmen Tennisgrößen wie Serena Williams und Maria Scharapowa teil, aber auch andere Prominente wie das Model Gigi Hadid. Kommentiert wurden die Spiele von John McEnroe.

Schachverband sieht Potenzial

Reiner Altruismus ist freilich nicht immer der einzige Beweggrund. Denn Tatsache ist, dass solche Formate mittelfristig Zukunft haben dürften – und diejenigen Sportarten, die in der Not Erfindungsreichtum beweisen, einen kleinen Vorsprung für die Zeit nach der Krise herausholen könnten. Denn während Österreichs Top-Tennisspieler Dominic Thiem zuletzt seine Befürchtung äußerte, die Profitour könnte aufgrund der Reiseeinschränkungen bis Anfang 2021 aussetzen, und Bewerbe ohne Zuschauer Gegenstand heftiger Debatten sind, bei denen sportliche, finanzielle, ethische und gesundheitliche Argumente aufeinanderprallen – zuletzt ließ das österreichische Gesundheitsministerium die Bundesliga wissen, dass die Wiederaufnahme des Betriebs doch nicht so einfach werde; für das geplante Geister-Formel-1-Rennen in Spielberg am 5. Juli regt sich bereits Widerstand bei Anrainern –, erfreuen sich jene, die vor dem Laptop ausgetragen und angesehen werden können, hoher Beliebtheit.

Schach eignet sich auch zum virtuellen Spiel. - © afp
Schach eignet sich auch zum virtuellen Spiel. - © afp

Das trifft beispielsweise auch auf Schach zu. An den ersten österreichischen Internet-Meisterschaften nahmen insgesamt mehr als 800 Spieler teil, für das Semifinale am Wochenende waren 107 qualifiziert. Und auch wenn man hofft, das Finale im Herbst anlässlich der 100-Jahresfeier des Verbandes an einem Ort austragen zu können, sind weitere Online-Bewerbe, bei denen man von zu Hause aus aktiv werden können, geplant. Walter Kastner, Generalsekretär des österreichischen Schachbundes, sah "erfreuliche Zahlen und viel Potenzial" für Online-Meisterschaften. In den kommenden Monaten seien eine Frauen-, eine Jugend- und Vereinsmeisterschaften vorgesehen. Langweilig wird den Sportlern also auch in der Isolation nicht. Man muss ja nicht gleich den Mount Everest erklimmen oder 36 Mal über fünf Meter hoch springen.