Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründ’ ich einen Arbeitskreis: Wenn es um die Frage geht, wie es mit dem Sport in den USA in Zeiten des Coronavirus weitergehen soll, stößt selbst ein nach Eigendefinition "sehr stabiles Genie" wie Donald Trump offenbar an seine Grenzen. Dabei machte der 73-jährige Ex-Reality-TV-Star, mittlerweile Präsident der USA, jüngst unzweideutig klar, was seiner Meinung nach zu geschehen hat: "Wir müssen unseren Sport zurückbringen. Ich habe es satt, mir im Fernsehen 14 Jahre alte Baseball-Spiele anschauen zu müssen."

Diesem Herr werden soll nach Trumps Wille ein vor rund einem Monat vom Weißen Haus eingerichtetes, sogenanntes "Advisory Board", ein Beirat aus illustren Persönlichkeiten aus dem US-amerikanischen Sportgeschäft, der sich allem voran durch drei Merkmale auszeichnet: Kein einziger der darin Versammelten ist jung, farbig und verfügt über jedwede Kompetenz in Sachen öffentliche Gesundheit. Ob Rob Manfred (Commissioner der Major League Baseball/MLB), Roger Goodell (National Football League/NFL), Gary Bettman (National Hockey League/NHL), Adam Silver (National Basketball Association/NBA), die NFL-Teambesitzer Robert Kraft (New England Patriots) und Jerry Jones (Dallas Cowboys), NBA-Impresario Mark Cuban (Besitzer der Dallas Mavericks), Dana White (Präsident der Ultimate Fighting Championship/UFC) oder Vince McMahon (Gründer und Besitzer von World Wrestling Entertainment/WWE): Alles, was diese Truppe eint, ist der Wunsch, ihr Produkt sobald wie möglich wieder auf dem Spielfeld beziehungsweise im Ring zu sehen.

Wie das vonstattengehen soll, darüber gehen die Meinungen indes ebenso weit auseinander wie sich die jeweiligen Startvoraussetzungen präsentieren. Mit Stand heute ist die Saison in der MLB, NBA und der NHL offiziell nur ausgesetzt, nicht abgesagt. Über die Strategien, wie die "Big Four" eine Aufnahme (Baseball, Football) beziehungsweise Wiederaufnahme des Spielbetriebs (Basketball, Eishockey) garantieren wollen, herrscht weitgehend Uneinigkeit. Am vermeintlich leichtesten sollten es im Vergleich noch die Baseballer haben - aber eben nur vermeintlich, weshalb ein diese Woche von der MLB präsentiertes Dokument, in dem alle Maßnahmen zusammengefasst werden, virusbedingten Gefahren zu begegnen, ganze 80 Seiten umfasst. Unter anderem künftig verboten: abklatschen, spucken, Autogramme geben, mit Fans für Selfies posieren. Auf dieser Basis tritt die Liga jetzt in Verhandlungen mit der Spielergewerkschaft. Eine Entscheidung wird in zwei bis drei Wochen erwartet. Geht alles nach Plan, soll ab Juni wieder trainiert werden und die Saison 2020 in der ersten Juli-Woche starten - in leeren Stadien. Die World Series wäre für November angesetzt. Ein dichtes Programm mit 82 Spielen in nur drei Monaten - aber auf diesem Weg, so die Kalkulation der Teambesitzer, wäre zumindest ein Totalausfall vermieden, der ihnen zufolge einen Verlust von 125 Millionen Dollar pro Klub bedeuten würde.

NFL im Vorteil

Bei den Kollegen vom Eishockey ist man sogar von derart halbgaren Szenarien noch weit entfernt. Im Sportkabelsender ESPN ließ sich ein hochrangiger NHL-Funktionär jetzt nur damit zitieren, dass "jeder falsche Informationen verbreitet, der ein konkretes Datum für eine Rückkehr aufs Eis nennt". Einig ist man sich Liga-intern nur darin, dass die Saison ohne Zuschauer zu Ende gespielt werden soll. Aber selbst dieser Plan könnte sich praktisch angewandt als unzureichend erweisen.

In der NBA scheint man sich derweil mit genau diesem Schicksal langsam, aber sicher abzufinden. Die prominenten Stimmen, die nach einer Totalabsage der Saison rufen, werden täglich lauter. Zuletzt meldeten sich die Altstars Charles Barkley und Shaquille O’Neal mit ebendieser Forderung zu Wort. Die Gewerkschaft der aktiven NBA-Spieler verschickt indes seit Anfang der Woche SMS an ihre Mitglieder und fragte sie gerade heraus, ob sie spielen wollen oder nicht. Die Ergebnisse der Abstimmung waren zu Redaktionsschluss noch ebenso wenig bekannt wie etwaige Szenarien über eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs, auch wenn es immer wieder Berichte gibt, die Optimismus versprühen sollen.

Von den "Großen Vier" bleibt somit nur die NFL, die immerhin den Vorteil hat, traditionell keine Frühlings- und Sommersportart zu sein. Plangemäß soll die reguläre Saison am 10. September starten, mit einem Gastspiel der Houston Texans bei den Super-Bowl-Champions aus Kansas City. Inwiefern dieser Termin hält oder nicht, darüber ist aus der Liga-Zentrale in New York bisher nur eines zu hören, und das so laut, dass es alles andere übertönt: Schweigen. Das Kalkül von Roger Goodell, an das sich die Teameigner bisher halten, kommt nicht von ungefähr. Weil viele von ihnen Donald Trump politisch und finanziell unterstützen und sich ihre Interessen in puncto Coronavirus mit denen des Weißen Hauses decken, sehen sie derzeit trotz allzu offensichtlicher Probleme - bis Ende des Monats werden die USA wahrscheinlich mehr als 100.000 Covid-19-Tote zu beklagen haben - keinen Anlass, Zweifel am Starttermin hochkommen zu lassen. Motto: Wenn das Laberl wieder fliegt in Amerikas Stadien, kann es mit der Krise nicht mehr weit her sein. Aber gut, wen wundert’s: Der typische NFL-Spieler ist Mitte 20, schwarz und drei Jahre in der höchsten Liga aktiv. Der durchschnittliche NFL-Teambesitzer ist 68, weiß und lebenslang Milliardär.