Hertha BSC gegen Union Berlin, Freiburg gegen Werder Bremen, Mönchengladbach gegen Bayer Leverkusen und so weiter und so fort. Wer sich am Freitag durch die Internet-Seiten der bekanntesten Wettanbieter durchgeklickt hat, wird auf den ersten Blick ein gewohntes Bild vorgefunden haben. Auf den zweiten ist natürlich nichts wie gewohnt, denn es fehlt freilich einiges. Spiele der englischen, spanischen und italienischen Liga, ansonsten Fixpunkte im Programm, finden bis auf weiteres nicht statt; auch in Österreich wird erst ab dem 29. Mai mit dem Cupfinale zwischen Red Bull Salzburg und Austria Lustenau wieder bewerbsmäßig gekickt. Geklickt wird dennoch viel: Denn wenn der Ball schon nicht rollt, haben E-Sports, Gamings und "virtueller Sport" Hochsaison.

Insofern haben die Wettanbieter versucht, aus der Not, die sich in stillstehendem Wettbewerb, daraus resultierendem Wegfall der (eigentlichen) Geschäftsgrundlage und massiven Umsatzeinbußen manifestiert hat, in den vergangenen Wochen und Monaten eine Tugend zu machen - die sich möglicherweise auch in Nicht-Krisenzeiten bezahlt gemacht haben wird. Denn plötzlich sind nicht nur Wetten auf Hertha gegen Union, Freiburg gegen Bremen und Gladbach gegen Leverkusen en vogue; getippt, was das Zeug hält, wird plötzlich auch, wenn die "Demolition Crew" den "Endpoint" im Counter Strike zerstören will oder die "Ninjas in Pyjamas" gegen "Virtus Pro" im E-Sports Dota II antreten.

Freilich: All diese Dinge machen den - momentanen - Umsatzeinbruch nicht wett. Wie das Marktforschungsinstitut "Branchenradar" zu Glücksspiel und Sportwetten in Österreich errechnete, schrumpft der Bruttospielertrag am Gesamtmarkt im laufenden Jahr voraussichtlich um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,62 Milliarden Euro - und das, obgleich wesentliche Umsatzbringer von den Restriktionen nahezu nicht betroffen waren. Die Annahmestellen für "Lotto 6 aus 45", "Euromillionen", "Rubbellos" & Co. waren durchgängig verfügbar, so wie auch das Spielen im Internet die ganze Zeit möglich war. Seit dieser Woche kann auch wieder Toto gespielt werden. Sowohl bei Lotterieglücksspielen als auch im Online-Glücksspiel erwartet man deshalb keine Umsatzrückgänge, dafür in den anderen Spielarten umso kräftigere, erklärt Studienautor Andreas Kreutzer. So schrumpfen beispielsweise die Bruttospielerträge der Spielbanken voraussichtlich um rund dreißig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht einem finanziellen Abgang um etwa 100 Millionen Euro.

"Wenn nichts mehr bleibt – die ,Ninjas in Pyjamas' sind noch immer da."

Am härtesten trifft es freilich den Sportwettensektor. Für 2020 ist ein Rückgang der Bruttoerlöse um nahezu 45 Prozent beziehungsweise rund 145 Millionen Euro prognostiziert. Zwar konnte man prinzipiell auch in Zeiten des Lockdowns Wetten online platzieren, da aber alle relevanten Sportveranstaltungen abgesagt und Ligen ausgesetzt wurden, nur auf Exoten. Infolge mutierten für die allermeisten Sportwetten zu Glücksspiel - die Nachfrage brach ein. Auch wenn einige Fußballligen vor dem Sommer fertig gespielt werden, etwa in Österreich, Deutschland oder Spanien, und auch der Formel-1-Zirkus noch vor dem Sommer die neue Saison startet, dürfte sich die Lage erst im Herbst, zu Beginn der neuen Fußballsaison, wieder substanziell bessern.

Auch die Einnahmen aus dem Automatenglücksspiel außerhalb der Kasinos werden im heurigen Jahr vermutlich deutlich geringer ausfallen als 2019. Denn selbst wenn die Automatensalons gemeinsam mit der Gastronomie nun schrittweise wieder öffnen, ist - aufs Jahr betrachtet - mit einem Rückgang der Bruttospielerträge um rund zwanzig Prozent gegenüber Vorjahr zu rechnen. Für den Finanzminister bedeutet das eine Verkürzung der Bemessungsbasis um etwa 76 Millionen Euro. Bei Lotterieglücksspielen steigen die Bruttoerlöse indessen auf 680 Millionen Euro und beim Online-Glücksspiel auf 270 Millionen Euro. Die im Hinblick auf das Expansionstempo der vergangenen Jahre relativ geringe Dynamik im Online-Glücksspiel erklärt sich primär durch die deutlich reduzierte Nutzung von Online-Sportwetten-Portalen, wodurch sich auch die Vorherrschaft am Spielemarkt verringert.

Allerdings dürfte die Prognose für die Wettanbieter inoffiziell so düster gar nicht sein. Viele haben ihre Sponsoringverträge - die Wettbranche ist, mit einigem Argwohn betrachtet, eine der großen Geldgeberinnen des Sports - verlängert, andere neue abgeschlossen. Die TV-Zahlen der ersten deutschen Fußball-Bundesliga haben am vergangenen Wochenende immerhin gezeigt, dass das Interesse an Sport nicht eben kleiner geworden ist. Und wenn schon gar nichts mehr bleiben sollte, sind immerhin die Ninjas in ihren Pyjamas noch da.