Die große Tour ist ausgesetzt, momentan muss es die kleine Bühne für die weltbesten Tennisspieler tun. Immerhin ging der Betrieb dort mit nationalen Serien, Topstars und anderen, die vielleicht sonst nicht so im Rampenlicht stehen, nun wieder los. Bei der Generali Austrian Pro Series etwa zeigte der Weltranglistendritte Dominic Thiem zwar seine Klasse - immer leicht getan hat er sich dabei aber nicht. Am Freitag musste er in der Südstadt seinen zweiten Satzverlust hinnehmen, dennoch setzte er sich gegen Jurij Rodionov im Endeffekt noch klar mit 2:6, 6:3, 6:1 durch. Es war der fünfte Sieg im fünften Match für den Lichtenwörther, sein 21-jähriger Gegner ist nach der zweiten Niederlage in der zweiten Phase dieses Turniers für die heimische Tenniselite ausgeschieden.

Daviscupper Rodionov war zuvor Lenny Hampel in zwei Sätzen unterlegen, gegen Thiem zeigte er aber zunächst sein bestes Tennis. Doch im zweiten Satz, als sein Niveau auch unter dem zunehmenden Druck Thiems nachließ, geriet er rasch 0:3 in Rückstand. Zwei Breakchancen zum 3:4 wurden nicht realisiert, und auch im dritten Satz war Favorit Thiem der Chef auf dem Platz. Den zuvor einzigen Satz hatte Thiem in seinem zweiten Match gegen den Tiroler Sandro Kopp abgegeben.

Basteln am Kalender

Wann Thiem und Co. auf die ATP-Tour zurückkehren können, steht indessen noch nicht fest. Hinter den Kulissen werden alle möglichen Szenarien durchgespielt. Es gilt, einen äußerst komplexen Turnierplan mit vielen verschiedenen Playern auf der Organisationsseite unter einen Hut zu bringen. Denn die besonders mächtigen Grand-Slam-Turniere haben einfach gegenüber der ATP- und WTA-Tour die besten Karten.

Während die Australian Open 2020 regulär in Szene gingen und Wimbledon abgesagt wurde, geht es vor allem um die French Open und die US Open. Rund um diese beiden Major-Events wird nun versucht, einen Rest-Jahreskalender aufzubauen.

Die US Open halten vorerst an ihrem Termin vom 31.8. bis 13. September fest. Die French Open hatten ihren Termin von Ende Mai/Anfang Juni zum Ärger vieler ohne Rücksprache einfach auf 20. September (bis 4. Oktober) verschoben. Gerüchte besagen, dass Roland Garros bereit sein soll, eine weitere Woche nach hinten zu rücken.

Dennoch: Zwei Major-Turniere mit Best-of-Five-Sätzen über jeweils zwei Wochen innerhalb so kurzer Zeit? "Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen", erklärt Jürgen Melzer gegenüber der APA - Austria Presse Agentur und fügt hinzu: "Wenn du die Möglichkeit hast, zwei Grand Slams zu spielen, dann wirst du die wahrnehmen." Unmittelbar hintereinander wäre schwierig geworden, glaubt er. "Jetzt ist es ja eh so, dass wahrscheinlich noch zwei Turniere eingeschoben werden mit Rom und Madrid."

Kleinere Turniere, größere Herausforderung

Dass man den Major-Turnieren die Priorität geben muss, davon ist aber auch Melzer überzeugt. "Ich glaube schon, dass man von oben nach unten spielen sollte, allein schon vom Preisgeld her, von den Punkten her. Es hat einen Grund, warum das die prestigeträchtigsten Turniere sind", so der 39-jährige Melzer, der ein Mitglied im ATP-Spielerrat ist.

Daher denkt er auch an jene Spieler, die weiter hinten im Ranking stehen. "Die große Herausforderung wird sein, dass wir Challenger-Turniere und Futures stattfinden lassen können." Man könne nicht Grand Slams spielen, Punkte vergeben, und schlechter platzierte Akteure könnten gar nicht spielen. "Da muss schon ein globales Verständnis entstehen, dass wir da gemeinsam durchgehen."

Dass die sieben großen Kräfte im Profitennis, ATP, WTA, ITF und die vier Grand Slams nicht von Beginn zumindest in Krisenzeiten an einem Strang gezogen haben, hat vielen Spielern missfallen. "Die Spieler waren erbost über das Vorgehen von den French Open. Der Council hat sehr heftig reagiert. Da sind einige Dinge im Raum gestanden wie Sanktionen", erinnert Melzer an die unkoordinierte Verschiebung von Roland Garros. "Die French Open wissen mittlerweile, dass sie einen Fehler gemacht haben, und sie arbeiten jetzt auch mit allen anderen zusammen."

Jürgen Melzer ist Mitglied im ATP-Spielerrat. - © APAweb / Erwin Scheriau
Jürgen Melzer ist Mitglied im ATP-Spielerrat. - © APAweb / Erwin Scheriau

Dafür gab es aber durchaus auch Erfolge, betont Melzer. "Für den 'Player Relief Fund' haben doch alle zusammengeholfen. Da ist viel Geld aufgestellt worden. Ich glaube, dass da schon ein Miteinander da ist", so der ehemalige Weltranglistenachte. Er äußert aber auch Verständnis für die Eigeninteressen der Global Player im Tennis: "Das sind eigenständige Unternehmen. Die müssen natürlich auch auf ihren Profit schauen."

Man müsse aber auch die Hintergründe verstehen. Denn eine Absage kostet enorm viel Geld, und nur Wimbledon verfügt über eine Versicherung für Zeiten einer Pandemie.

"Jetzt bauen wir Luftschlösser"

Vorstellbar ist "unter gewissen Umständen" auch, dass die ATP-Tour nicht mit den ATP-Finals in London endet. "Aber man darf nicht vergessen: Es folgt dann die Hallensaison, und die Hallen sind ausgebucht. Du kannst jetzt Wien nicht zwei Wochen später spielen, du kannst jetzt das Finale in London nicht einfach vier Wochen nach hinten schieben." Man müsse schauen, dass der Kalender so gut wie möglich ausgeschöpft werde. "Vielleicht wird es nach dem Finale in London noch ein paar 250er-Turniere geben." Dennoch: Allem voran steht der genaue Zeitpunkt des Wiederbeginns. "Dann kannst du genauer planen - jetzt bauen wir Luftschlösser."

Unterhalten hat sich Jürgen Melzer als zuletzt intensiver Trainingspartner auch mit Dominic Thiem über das Thema US Open. Dort ist ja ein Konzept durchgesickert, wonach die Spieler mit stark verkleinerter Entourage anreisen und etwa ohne ihre Langzeit-Physios auskommen müssten.

"Wenn das die einzige Möglichkeit ist, um die US Open zu spielen, dann werden sich viele daran halten", stellt Melzer fest. "Ich glaube, dass es für die 30+-Spieler ein bisserl schwieriger werden wird als für die Jungen, aber im Endeffekt muss das Ziel sein, vernünftig spielen zu können."

ÖTV-Davis-Cup-Kapitän Stefan Koubek hofft vor allem, dass das für November geplante Finalturnier mit Österreich in Madrid in Szene gehen kann. "Ich bin guter Hoffnung, dass ich auf das stärkste Team zurückgreifen kann, sprich inklusive Dominic", so Koubek.

Zur Thematik um die vielen Köche im Profi-Tennis ist der Ex-Top-20-Mann für Kooperation. "Ich habe es mir schon damals als aktiver Sportler gewünscht und jetzt als Kapitän, dass man einfach einmal zusammenarbeitet. Covid-19 hat hoffentlich auch einigen Leute die Augen geöffnet, dass es gemeinsam einfacher und besser ist. Vielleicht ist es in der Zukunft möglich."

Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Als Einzelsportler sei man ein Egoist, so Koubek. "Natürlich schaust du auf dich und trotzdem kann man miteinander mehr erreichen. Da muss man halt den richtigen Faden finden, was mache ich nur für mich und wo helfe ich auch bei anderen mit?" Er selbst sei lange genug Eigenbrötler gewesen. "Irgendwann kommt man drauf, dass man gemeinsam bei den meisten Sachen besser unterwegs ist." (apa/red)