Am Sonntag steigen die Belgier aufs Rad. Anlässlich des 75. Geburtstages von Eddy Merckx gibt es in Brüssel einen Parcours mit Anekdoten und Erinnerungen an den bis dato erfolgreichsten Radrennfahrer der Geschichte, der im Vorort Woluwe-Saint-Pierre aufgewachsen ist. Merckx selbst, der am Mittwoch seinen Ehrentag im Kreise der Familie feierte, wird dann wohl nicht dabei sein. Denn der Volksheld steht nicht gern im Mittelpunkt.

Sportlich würde Merckx aber die paar Kilometer locker wegstecken. Seinen Trainingssturz im Oktober, als Merckx auf den Kopf fiel und ins Krankenhaus musste, hat er gut überstanden. "Ich kann mich nicht beschweren", sagte er kürzlich dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich habe keine besonderen Folgen von dem Unfall davongetragen. Im Augenblick muss sich keiner um mich Sorgen machen. Ans Aufhören denkt Merckx jedenfalls noch nicht: "Ich bin letzten Samstag und Sonntag gefahren, ein paar Stunden. Ich fahre so zwei-, dreimal die Woche, das sind immer so zwischen 50 und 70 Kilometer pro Runde." So kennt die Welt den "Kannibalen", wie er bezeichnet wurde. Denn Edouard Louis Joseph Baron Merckx, kurz Eddy, war in seiner Karriere auf dem Rennrad unersättlich und erbarmungslos. Der Sohn eines Lebensmittelhändlers hasste nichts mehr als zu verlieren - was allerdings nicht oft vorkam. Je fünf Mal gewann Merckx die Tour de France und den Giro d’Italia, sieben Mal triumphierte er bei Mailand-Sanremo. Alle weiteren Klassiker gewann er mindestens zweimal, wurde dreimal Profi-Weltmeister und stellte 1972 in Mexiko-City mit 49,43 Kilometern einen Stunden-Weltrekord auf. Schier unglaubliche 525 Siege fuhr Merckx zwischen 1966 und 1978 auf der Straße ein - eine bis dato unerreichte Marke. Auch seine 34 Etappensiege und 96 Tage im gelben Trikot bedeuten noch Tour-Rekord.

Sein erster Toursieg 1969 war eine reine Machtdemonstration. Er gewann alle Wertungen, holte auch das Grüne und das Bergtrikot und hatte in der Endabrechnung fast 18 Minuten Vorsprung auf den zweitplatzierten Franzosen Roger Pingeon. Als die Tour de France zu seinen Ehren 2019 in Brüssel startete - exakt 50 Jahre nach seinem ersten Triumph - feierten ihn 75.000 Radsport-Fans mit "Eddy, Eddy"-Sprechchören, was dem bodenständigen Pedaleur eher unangenehm war. Das änderte nichts daran, dass er vom belgischen König 1996 in den Adelsstand erhoben wurde. Natürlich trägt auch in Brüssel eine Metro-Station seinen Namen, und bei einer TV-Wahl zum größten Belgier aller Zeiten landete Merckx 2005 auf dem dritten Platz.

Merckx für Zuschauer

Merckx widmet sein Leben dem Radsport, auch nach seiner Karriere. Er gründete eine Firma, mit der er Rennräder herstellt. Zudem arbeitete er bei zahlreichen Rennen als Sportdirekter und tritt nach wie vor als Kommentator und Botschafter auf. "Ich habe schnell realisiert, dass Radsport immer Teil meines Lebens ist", erklärte er. An seine Erfolge kam keiner heran, auch nicht sein Sohn Axel Merckx, der ebenfalls Radprofi war und 2004 Olympia-Bronze gewann.

Neben Eddy Merckx existieren nur drei Fahrer - Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain -, die die Tour de France fünfmal gewannen. Lance Armstrong wurde ja bekanntlich aus den Siegerlisten als siebenmaliger Champion wegen Dopings gestrichen. Allerdings könnte heuer bei einem weiteren Tour-Sieg Chris Froome dem exquisiten Kreis beitreten - wenn die Frankreich-Rundfahrt in Corona-Zeiten überhaupt stattfindet. Merckx hat da eine klare Meinung - und würde die Tour nur mit Zuschauern stattfinden lassen. "Die Fans gehören zur Tour. Ich verstehe, dass es für die Fahrer und die Teams wichtig ist, ich persönlich finde aber eine Tour ohne Publikum erbärmlich", sagte Merckx.

Ein neuer Star Belgiens hat schon deutliche Spuren hinterlassen. Der 20-Jährige Remco Evenepoel hat heuer vor der Pandemie schon zwei Rundfahrtsiege eingefahren, nachdem er gleich nach dem Juniorenalter zu Deceuninck gewechselt war. Bei der WM in Innsbruck 2018 hatte er die Junioren-Titel im Zeitfahren und Straßenrennen erobert.(apa/dpa)