Vielleicht hatte Novak Djokovic ja noch gehofft, dennoch ist er nicht mit dem blauen Auge davongekommen. Im Gegenteil: Der Weltranglistenerste hat sich wie (bisher) drei weitere Spieler bei der von ihm mitorganisierten Adria-Tour der Tennisprofis mit dem Coronavirus infiziert. Fehlende Hygiene und ein scheinbar sorgloser Umgang mit der Pandemie hatte den Serben in den vergangenen Tagen viel und harsche Kritik eingebracht.

Nach seiner Rückkehr habe er sich in Belgrad testen lassen, berichtete Djokovic am Dienstag in einer Erklärung. Er hatte zuvor in Zadar auch das zweite Turnier der Adria-Tour gespielt. "Mein Ergebnis ist positiv, genau wie das von Jelena (Ehefrau/Anm.), während die Ergebnisse unserer Kinder negativ sind", gab Djokovic bekannt und fügte hinzu, derzeit keine Symptome zu haben. "Jeder einzelne Infektionsfall tut mir sehr leid. Ich hoffe, dass dies von niemanden die gesundheitliche Situation verkompliziert, und es jedem wieder gut gehen wird. Ich werde die nächsten 14 Tage in Selbstisolation bleiben und den Test in fünf Tagen wiederholen."

Allein, die Einsicht Djokovics kommt zu spät: Zuvor waren auf Spielerseite bereits der Bulgare Grigor Dimitrow und der Kroate Borna Coric positiv getestet worden, ebenso wie der Serbe Viktor Troicki. Dieser hatte am Montagabend erklärt, dass zunächst bei seiner Frau und dann bei ihm das Virus entdeckt worden war. Der 34-Jährige hatte auf der ersten Station in Belgrad gespielt, beim Event im kroatischen Zadar war er nicht mehr dabei. Dominic Thiem, der ebenfalls bei dem mit 4000 Zuschauern ausverkauften Charity-Event in Belgrad gespielt und dieses gewonnen hatte, gab mittlerweile drei negative Covid-19-Tests ab.

Dimitrow-Manager Georgi Stoimenow hat derweil Versäumnisse eingeräumt. "Wir waren nicht so diszipliniert, wie es sein musste", sagte er dem bulgarischen Fernsehsender bTV. Dem 29-jährigen Bulgaren gehe es nun gut und er erhole sich. "Gestern hatte er keine der Symptome mehr, die er zuvor hatte." Dimitrow hatte nach dem Turnier Bulgarien besucht, in seiner Geburtsstadt Haskowo werden nun alle Kontaktpersonen auf das Coronavirus getestet - auch viele Kinder, mit denen er sich photographieren ließ. 19 Menschen wurden nach einem Bericht des bulgarischen Staatsradios unter Quarantäne gestellt. Die weiteren Tour-Stationen wurden abgesagt. Was anfangs als Show und als lebensfroher Neu-Neubeginn gedacht war, wurde wegen Missachtung von Abstandsregeln und wegen fehlender Hygienemaßnahmen längst zur Horrorshow.

Angesichts der laxen Hygienebestimmungen und Fotos feiernder Tennisprofis mit freiem Oberkörper erinnerte Wimbledonsieger Andy Murray seine Kollegen an ihre Vorbildfunktion. Die einstige Nummer eins der Welt aus Großbritannien sagte der "Times": "Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Novak. In der Nachbetrachtung macht das, was da passiert ist, aber keinen guten Eindruck." Er hoffe, dass man daraus lerne. "Letztendlich wird die ATP-Tour nicht zurückkommen, wenn wir jede Woche Probleme haben und die Spieler machen, was sie wollen."

Seine Teilnahme an den vom 31. August in New York geplanten US Open machte Murray auch von den dortigen Hygienemaßnahmen abhängig. "Für mich ist eines der wichtigsten Themen, wie sie die ,Blase‘ rund um das Turnier kontrollieren", schrieb der 33-Jährige in einer Kolumne für den britischen Sender BBC. Alle Spieler sollen in einem Flughafen-Hotel oder in Häusern in dessen Nähe untergebracht und ständig auf das Virus getestet werden. Zudem soll der Betreuerstab der Profis deutlich reduziert werden. Djokovic hatte diese Maßnahmen noch als extrem bezeichnet.

ATP-Boss hofft auf Lerneffekt

Auch der ATP-Vorsitzende Andrea Gaudenzi aus Italien hofft auf einen Lerneffekt aus den Vorkommnissen und einer größeren Akzeptanz dieser Blase. Der 46-Jährige erinnerte in einem Beitrag in der "New York Times" zwar daran, dass auch trotz extremer Maßnahmen Corona-Fälle auftreten könnten. Gaudenzi erklärte aber auch, dass allen Teilnehmern privater Turniere die Einhaltung angemessener Maßnahmen sowie des Abstands empfohlen wurde.(apa)