Fast vier Monate Verspätung und Not- statt Rekordkalender: Wegen Corona beginnt die Formel-1-WM 2020 am kommenden Wochenende in Spielberg unter ganz speziellen Umständen. Der Start in die 71. Saison geht ohne Fans über die Bühne und er ist sporthistorisch, denn erstmals ist Österreich Schauplatz eines WM-Auftaktes. Ungeachtet dessen geht auch Lewis Hamilton auf seinen siebenten Titel los. Der Mercedes-Pilot kann mit einem neuerlichen WM-Triumph die Rekordmarke von Michael Schumacher egalisieren. Bekommt der Engländer trotz seiner bereits 35 Jahre aber wohl noch mehrere Chancen, kann der 22-jährige Niederländer Max Verstappen nur noch dieses Jahr jüngster Weltmeister werden und in dieser Hinsicht Sebastian Vettel ablösen. Der Deutsche startet in sein letztes Jahr mit Ferrari, wo Charles Leclerc längst der Pilot der Zukunft ist.

Nur acht Europa-Rennen anstelle der ursprünglich geplanten 22 Saisonläufe weltweit sind vorläufig fixiert. Je nach Verlauf der Covid-19-Saison sind zwar immer noch bis zu 15 Rennen geplant - weil dann auch die TV-Gelder fällig sind. Fix ist aber nichts, und alleine aufgrund der vielen Unbekannten könnte es 2020 eine der spannendsten Weltmeisterschaften überhaupt geben. Grundsätzlich würden ja schon acht Rennen für eine Titelvergabe reichen, und dies setzt die Teams unter besonderen Druck. Zuletzt gab es in der Steiermark zwei Heimsiege (Verstappen) für Red Bull, die Mercedes hingegen rollten wegen der Höhenlage der Rennstrecke sowie zuletzt stets großer Hitze nur als Statisten durch den Kurs. Diesmal tappen aber wohl alle im Dunklen. Ausfälle können gravierende Folgen haben, andererseits muss man aggressiv auf Punkte fahren.

Aufgrund des verknappten Kalenders zählt daher jedes Rennen doppelt und dreifach. Auch und besonders für Hamilton und Verstappen. Dass Verstappen nur noch diese eine Chance bekommt, bezeichnete Motorsportkonsulent Helmut Marko aber sogar als "zusätzlichen Turbo". Red Bull kam bisher stets erst zur Saisonmitte in Form und steht vor einer kuriosen Situation. 2020 wäre Spielberg das elfte Saisonrennen gewesen, nun ist das große Heimrennen aber der WM-Auftakt.

Die sportlichen Aspekte standen in den Monaten vor dem verspäteten Auftakt aber im Hintergrund. Wegen Corona wurde der eigentliche WM-Start im März in Australien nach einem positiven Fall im Fahrerlager kurzfristig abgesagt und der ganze Formel-1-Tross in die Langzeit-Pause geschickt. Bis Anfang Juni standen die Fabriken still. Getestet werden konnte seitdem nur mit zwei Jahre alten Autos.

Dass die Formel 1 als erste globale Sportart nach der Corona-Krise eine Weltmeisterschaftssaison starten kann, ist vorrangig zwei Dingen zu verdanken. Einerseits der guten Covid-19-Situation in Österreich, andererseits Red-Bull-Chef und Streckenbesitzer Dietrich Mateschitz. Dessen Projekt Spielberg arbeitet seit März unter Hochdruck an zwei erfolgreichen WM-Wochenenden und betrat dafür organisatorisches und sportliches Neuland. In Österreich finden nun sogar die Rahmenserien Formel 2 und Formel 3 sowie der Porsche-Supercup statt und werden erstmals auch live im TV übertragen.

Spielberg als Musterevent

Gemeinsam mit FIA und der Formel-1-Gruppe wurde vom Projekt ein umfangreiches Sicherheits- und Gesundheitskonzept erstellt. Der Grand Prix von Österreich am 5. und der Grand Prix der Steiermark am 12. Juli finden unter erheblichen Sicherheits-Vorkehrungen statt. Regelmäßige Tests, umfangreiche Hygienemaßnahmen und die Halbierung des Formel-1-Trosses sowie die Aufteilung desselben in so genannte "Blasen" - also ohne Berührungspunkte - sind zentral, um die Gesundheit aller Personen an der Rennstrecke und der Menschen in der Region zu schützen. Nur knapp 20 Journalisten dürfen ins Mediencenter. Darunter aus Österreich nur jener der Austria-Presse-Agentur.

Geht es nach den Organisatoren, soll Spielberg eine Musterveranstaltung für die nachfolgenden Rennen bilden. Man versucht deshalb genau, jede Möglichkeit auf Ansteckung oder Verbreitung zu verhindern. Dafür werden die Vorgaben der heimischen Ministerien sogar oft übererfüllt. Obwohl selbst ein positiver Fall im Umfeld nicht gleich zur Absage des Rennens führen soll, ist die Angst vor zumindest einem Image-Schaden spürbar. Das Tennis-Desaster bei der Adria-Tour lässt grüßen.

Aber nicht nur aus dem Grund ist Spielberg von historischer Bedeutung. Erstmals wird in Österreich eine Formel-1-Saison eröffnet, erstmals gibt es auf der gleichen Rennstrecke zwei WM-Läufe an zwei folgenden Wochenenden. Und erstmals gehen auch Formel-1-Rennen ohne Zuschauer und damit als Geisterrennen über die Bühne. Niedrigere Ausgaben sollen den Ausfall der Ticket-Einnahmen teilweise abfedern. Dieser ist enorm, 2019 hatten 203.000 Fans Eintrittskarten gekauft.(apa)