Saftige grüne Wiesen, seelenruhig weidende Kühe, einsam steht ein Campingwagen nahe einer Pferdekoppel - keine Ferrari-Fahnen, kein orangefarbenes Menschenmeer, keine Fan-Massen, die sich gen Red-Bull-Ring schieben: Der Auftakt in die Formel-1-Saison 2020 am Sonntag (15.10 Uhr/ORF1) ist anders. Nicht nur der Start der WM um fast vier Monate später ist ungewöhnlich, es sind auch erstmals Geisterrennen.

Einen ersten Vorgeschmack darauf, wie man sich solche Geisterrennen vorstellen kann, haben die ersten freien Trainings am Freitag gegeben. Außer dem Surren der Motoren war nichts zu hören, und so war auch die Geräuschkulisse dann, als Lewis Hamilton gleich zwei Mal mit Bestzeit (+0,356 Sekunden vor Teamkollege Valtteri Bottas) durchs Ziel brauste, selten leise. Für den Weltmeister wäre ein weiterer Titel trotz der Corona-bedingt verkürzten WM-Saison besonders viel wert. "Dieses Jahr einen Titel zu gewinnen würde mehr als je zuvor bedeuten nach einem so monumentalen Jahr, mit der Pandemie, gegen die wir kämpfen", sagte der Brite in Spielberg. Hinzu kommt aber auch: Hamilton würde mit sieben Titeln mit Rekordweltmeister Michael Schumacher gleichziehen.

Dort, wo gewöhnlich Zehntausende Fans campieren, grasen heuer Kühe. - © apa/Scheriau
Dort, wo gewöhnlich Zehntausende Fans campieren, grasen heuer Kühe. - © apa/Scheriau

Dennoch war es dann am Samstag Bottas, der sich die Pole Position sicherte. Der Pilot aus Finnland war im Qualifying der Schnellste. Hinter ihm landete Hamilton im zweiten Mercedes, dahinter Spielberg-Vorjahressieger Max Verstappen aus den Niederlanden.

Von diesem muss auch Hamilton ernsthafte Konkurrenz fürchten, auch wenn Verstappen beim Training leichte Probleme hatte. Als Favorit sieht sich der Niederländer aber trotz zweier Österreich-Siege nicht. "Es gibt keine Garantie, dass es wegen der zwei Siege auch heuer automatisch gut läuft. Speziell in einer so besonderen Saison", sagte der Red-Bull-Pilot. Die Umstände in Österreich waren zuletzt stets sehr freundlich gewesen zum 22-jährigen Niederländer, der in den kommenden Monaten Sebastian Vettel den Rekord als jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte abjagen möchte. Heiße Temperaturen waren in den vergangenen Jahren den leichter zu kühlenden Bullen-Autos stets entgegengekommen. Diesmal wird es aber zumindest beim ersten der zwei Österreich-Rennen etwas kühler sein als im Vorjahr.

Max Verstappen reiste wie die meisten Piloten und Teammitarbeiter mit dem Privatjet nach Zeltweg. - © apa/Scheriau
Max Verstappen reiste wie die meisten Piloten und Teammitarbeiter mit dem Privatjet nach Zeltweg. - © apa/Scheriau

Den langen Lockdown saß Verstappen hauptsächlich in seiner Wahlheimat Monaco ab. Nachteile sieht er dadurch nicht. "Die Pause war sicherlich lang. Aber wenn du nach einem Jahr wieder auf ein Fahrrad steigst, weißt trotzdem noch, wie es geht", meiner er. "Ich kenne zudem den Red-Bull-Ring gut und erwarte deshalb kein großes Drama", ist Verstappen überzeugt, in den drei Trainings wieder schnell genügend Gefühl für das zuletzt im Februar in Barcelona bewegte Rennauto zu bekommen. Dass derzeit nur acht Saisonrennen fixiert sind, regt Verstappen auch nicht wirklich auf. Nach 102 Grand-Prix-Starts und acht Siegen hat der junge Niederländer schon reichlich Routine und wie der gleichaltrige Charles Leclerc am ehesten das Zeug, Hamilton als Weltmeister abzulösen. "Ob 22, 15 oder 8 Rennen. Ich gehe immer mit der gleichen Einstellung an die Sache heran, sonst wird es ein Desaster", erklärte der WM-Dritte des Vorjahres.

Frust bei Sebastian Vettel

Vor einem Desaster steht indessen der von Ferrari geschasste Sebastian Vettel. Dementsprechend irritiert zeigte er sich daher auch dieser Tage in Spielberg. Folglich sei die Entscheidung, den Ende des Jahres auslaufenden Vertrag nicht mehr zu verlängern, für ihn "überraschend gekommen", sagte der Deutsche. "Wir hatten nie eine Diskussion. Es lag nie ein Angebot auf dem Tisch." Bei Ferrari wollte man das so nicht stehen lassen. Demnach soll die Corona-Krise der Grund für die Ausmusterung von Vettel zum Jahresende gewesen sein. "Die Pandemie hat die ganze Welt verändert, nicht nur die Formel 1", erklärte Teamchef Mattia Binotto am Freitag in Spielberg. Zwar sei Vettel noch im Winter "die erste Wahl" für Ferrari gewesen, doch durch die Einschnitte habe sich "die gesamte Situation verändert", sagte Binotto achselzuckend.

Allein Vettels Hoffnung, 2021 doch noch bei einem anderen Team unterzukommen, sind nicht sehr groß. Bei Renault wäre noch ein Platz offen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff wiederholte gegenüber dem BBC-Radio, dass Vettel wohl keine Option ist, da man vorrangig mit Lewis Hamilton, Valtteri Bottas und dem eigenen Nachwuchs plane. "Er ist ein toller Junge und wir dürfen ihn nicht ausschließen. Aber Lewis und Valtteri sind unsere Priorität, und wir hoffen sehr, ihre Verträge zu verlängern", sagte der Österreicher.

Am Samstag verpasste Vettel als Elfter das letzte Qualifikationssegment - das war dem Deutschen zuletzt beim Heimspiel in Hockenheim im Juli 2019 passiert. Für Teamkollege Charles Leclerc lief es auch nicht viel besser, der Monegasse belegte Rang sieben.

Gegen Corona gewappnet

Angst, im Fall des Auftretens einer Corona-Infektion allesamt ausgeschlossen zu werden, müssen die Piloten und Rennställe hingegen in Spielberg nicht haben. Wie Renndirektor Michael Masi am Freitag im Rahmen einer Online-Pressekonferenz erklärte, sei bei einem Corona-Fall an einen Abbruch des Rennens nicht gedacht. Man sei in einer wesentlich besseren Situation als beim Saisonstart im März in Australien, sagte er. Um eine Ausbreitung zu unterbinden, hat der Motorsport-Weltverband FIA für den Neubeginn der Königsklasse Zuschauer verboten und einen Maßnahmenkatalog erstellt. Ohne Vorab-PCR-Test kommt niemand an die Strecke. Dort herrscht Maskenpflicht, und man muss sich spätestens alle fünf Tage erneut testen lassen. Die rund 2000 an der Rennstrecke befindliche Personen wurden aus Sicherheitsgründen in aktuell 57 Gruppen (Blasen) sowie hunderte Untergruppen geteilt, berichtete Masi.

Für die Zuschauer und die lokale Wirtschaft ist das natürlich bitter. Spielberg war im März auf gutem Weg gewesen, die Vorjahresmarke von 203.000 Zuschauern beim Formel-1-Rennen auf dem Red-Bull-Ring zu überbieten. Aktuell ist man aber einfach nur froh, dass die Rennen überhaupt stattfinden können. Und auch die Fans halten dem Event die Treue. So haben sehr viele Kartenbesitzer das Angebot, die Tickets auf 2021 zu übertragen, angenommen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kulisse in Spielberg dann wieder die alte ist - und die friedlich weidenden Kühe wieder den Fans und ihren Campingwägen weichen werden.(rel/apa)