Das Schaben der Hufe über den Boden ist zu vernehmen, nur noch wenige Sekunden, bis der Wettbewerb beginnt. Dann geht es los: Die erste Schleife des Turnieres wird gestartet. Über Stock und Stein legen die Reiterinnen und Reiter mit ihrem Tier 30 Kilometer zurück, zwischendurch gibt es kurze Trink- und Abkühlungspausen für die beiden, dann kehren sie in die Grooming-Area zurück. Nach und nach trudeln alle ein. Dann beginnt ein wichtiger Part dieses Turnieres: das Kühlen. Das Plätschern des Wassers ist zu vernehmen, der Puls des Tieres wird gesenkt.

Die Geschichte des Distanzreitens reicht weit zurück, doch erst vor etwas mehr als 100 Jahren wurde es zum Sport. Damals wurde noch nicht so sehr auf das Wohlergehen des Pferdes geachtet, heute ist dies jedoch anders: Das Wohl des Tieres ist ein nicht wegdenkbarer Faktor bei einem erfolgreichen Distanzritt.

Beim Distanzreiten geht es nicht nur darum, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine gewisse Strecke so schnell wie möglich zurücklegen, sondern auch darum, dass sie ihr Pferd immer wieder kühlen und den Puls des Tieres damit hinunterbringen. Bei der Veterinärkontrolle, welche alle 20 oder 30 Kilometer erfolgt, entscheidet die Tierärztin oder der Tierarzt, ob das Pferd weiterhin am Turnier teilnehmen darf oder nicht. Dabei wird zuerst der Puls des Tieres gemessen, zudem werden unter anderem die Kapillarfüllzeit, die Schleimhäute und Darmgeräusche überprüft.

Wenn alles in Ordnung ist, wird erneut der Puls kontrolliert und notiert. Ist dieser bei 64, darf es nach 20 oder 30 Minuten Zwangspause weitergehen; ist er darüber, folgt die Disqualifikation. Mit diesen Tests wird gewährleistet, dass das Pferd nicht zu sehr belastet wird. Beim Distanzreitturnier in Weikersdorf geht es nicht nur um die Landesmeisterschaften für Wien und Niederösterreich, sondern auch um die nationale Meisterschaft des Vereins der österreichischen Distanzreiter. Letzteres ist eine Premiere: Aufgrund der Absage der Staatsmeisterschaften wegen des Coronavirus ist das Turnier für dieses Jahr ins Leben gerufen worden.

Diesen Samstag startet der erste Bewerb, welcher 80 Kilometer umfasst. Darauf folgen drei weitere, die sich über 60, 40 und 20 Kilometer erstrecken. Insgesamt gehen 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Start, darunter auch vier Slowaken und zwei Ungar. Ein 80 Kilometer langer Ritt geht über fünf bis sechs Stunden. "Es ist der Sport, bei dem man beim Bewerb die längste Zeit mit seinem Pferd verbringt", erzählt Florian Adensamer, Veranstalter und Mitglied des Reitclubs für Shagya-Araber Wien. "Das ist wie Marathon zu Pferd, den man nicht mit den eigenen Füßen läuft, sondern das Pferd. Das macht es aber nicht weniger anstrengend."

Die Geschwindigkeit bei den ersten beiden Bewerben beträgt mindestens 12 km/h und bei einem Qualifikationsritt maximal 16 km/h. Dieser ist bei allen Bewerben - außer jenem mit 20 Kilometer - möglich.

Das Ziel bei jedem Turnier ist, die Kilometer so schnell wie möglich zurückzulegen und den Puls von 64 in 15 Minuten bei seinem Tier zu erreichen. Nur nach dem Erreichen des Ziels haben die Reiterinnen und Reiter mehr Zeit dafür: Hierbei sind 20 Minuten für das Kühlen und Pflegen vorgesehen.

Dass ein solches Turnier trotz der Corona-Pandemie möglich ist, ist der Distanz beim Pferdesport zu verdanken. Beim Reiten kommen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowieso nicht zu nahe, da die Gefahr besteht, dass das Pferd austreten könnte. Auch sonst wird auf den Mindestabstand bei Besprechungen geachtet, Pferde werden in der Box und nicht in der Stallgasse gesattelt. Adensamer hat keine Bedenken: "Es kommt sicher niemand, der irgendwelche Symptome hat, weil mit den Symptomen, die man bei einer Corona-Infektion hat, schafft man einen Distanzritt nicht. Das ist unmöglich."

Die Pferde und Reiterinnen und Reiter kommen ins Ziel. Erschöpft, aber mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht, wieder muss der Puls des Tieres gesenkt und das Tier versorgt werden. Das letzte Mal an diesem Tag.