Das Bild, wie ich damals mit meinem Neffen durch die Tür rausgegangen bin und mir gesagt habe: ‚Passt, jetzt habe ich es geschafft‘, ist immer wieder präsent." Genau vier Jahre ist es am heutigen Dienstag her, seit Lukas Müller das Reha-Zentrum in Bad Häring mit zwei Krücken und auf beiden Beinen verlassen hat. Monate zuvor, am 13. Jänner 2016, stürzte der Kärntner als Vorspringer bei der Skiflug-WM am Kulm und erlitt eine schwere Wirbelsäulenverletzung. Die Diagnose: eine inkomplette Querschnittslähmung. Heute ist er 28 Jahre alt, hat den ersten Teil einer Trainerausbildung für das Skispringen absolviert und studiert seit Oktober Sportrecht und Management.

Die vergangenen viereinhalb Jahre des ehemaligen Skispringers sind mit einer Achterbahnfahrt vergleichbar. "Dein komplettes Leben stellt sich völlig um. Du musst deinen Körper neu kennenlernen", sagt Lukas Müller nun zur "Wiener Zeitung". Es gab auch für ihn Seiten, die er von sich selbst nicht kannte - so hatte er beispielsweise in den ersten zwei Jahren schwere Probleme mit der Nahrungsaufnahme und dem Stoffwechsel oder musste feststellen, dass der Trainingsfortschritt mit einem Querschnitt nicht linear verläuft. Mal gibt es gute Tage, mal gibt es schlechte Tage bei ihm - und "das Bergab kann auch weit bergab gehen", sagt Müller.

Rechtsstreit mit dem ÖSV

Lukas Müller war öffentlichkeitswirksam nach seinem Unfall immer die Unterstützung seitens des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) zugesichert worden - doch die Kehrseite der Medaille war, dass der Verband seinen Unfall als Freizeitunfall sah. "Das ist im Endeffekt die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und dem tatsächlichen unternehmerischen Interesse der beiden Geschäftsführer Peter Schröcksnadel und Dr. Klaus Leistner - das muss sich nicht decken", meint Müller. "Es gab definitiv kleinere Zuwendungen, allerdings viel weniger, als versucht wurde, öffentlich darzustellen."

Besonders das "Anheften fremder Lorbeeren" kritisiert er: "Die öffentlich kommunizierten 480.000 Euro, welche aus der sogenannten ‚ÖSV-Versicherung‘ geflossen sein sollen, kamen aus jener Unfallversicherung, die ich erstens selbst bezahlt habe, zweitens abschließen musste, und drittens ist es keine ‚ÖSV-Versicherung‘, sondern jene eines ÖSV-Partners. Das diente einzig und allein dazu, mich als gierig hinzustellen und vom eigentlichen Sachverhalt abzulenken."

In den vergangenen Jahren wurden Vorspringer und auch Vorläufer vom ÖSV bei Weltcupveranstaltungen nicht als Arbeitnehmer angesehen. Deshalb plädierte der Verband auch im Fall Müllers auf einen Freizeitunfall. Für den 28-Jährigen war es jedoch wichtig, dass sein Sturz als Arbeitsunfall anerkannt wird - nicht nur, um die enormen Folgekosten seiner Querschnittslähmung besser decken zu können, sondern auch um einen Präzedenzfall im österreichischen Sport zu schaffen. Nach einem langen Rechtsstreit mit dem ÖSV wurde Müller vom Verwaltungsgerichtshof vergangenes Jahr recht gegeben: Er erhielt die Bestätigung, dass Vorspringer als Dienstnehmer anzusehen sind und es sich bei seinem Sturz um einen Arbeitsunfall handelt. "Die Reaktion seitens des Skiverbandes fiel aber erstaunlich unsportlich aus. Obwohl nun für alle Rechtssicherheit herrscht, gab es seit der Gerichtsverhandlung 2018 kein einziges Gespräch zwischen der ÖSV-Führung und mir - obwohl Sportler, welche dem Veranstalter den Dienst als Vorspringer oder -läufer erweisen, jetzt besser geschützt sind. Das kann normal nur im Interesse des Verbandes sein.", erzählt Müller.

ÖSV-Sportler sind - bis auf die Bundesheer-, Polizei- und Zollsportler- nie angestellt. Vorspringer unterzeichnen eine Athletenvereinbarung der FIS, welche aber kein Arbeitsvertrag ist. Für ihre Sprünge erhalten sie ein Entgelt, waren jedoch im Falle einer Verletzung bisher nicht bei der Sozialversicherung angemeldet. "Ich bin damals davon ausgegangen, dass das sowieso der Fall war, aber die Krankenkasse verneinte dies."

Seit Jahren ist deshalb immer wieder die Rede von einem Berufssportgesetz, welches - so wie es momentan aufgrund von Corona noch aussieht - in weiter Ferne liegt. Jedoch kommt der Stein langsam ins Rollen: Im Februar wurden die Vorspringer erstmals beim Skifliegen am Kulm nach dem ASVG als Dienstnehmer vom ÖSV angemeldet. Im Falle einer Verletzung wären sie somit versichert. Tatsächlich stürzte an jenem Wochenende ein Vorspringer zwei Mal, blieb jedoch unverletzt. "Allein nur aus diesem Grund war die Anmeldung notwendig.", so Lukas Müller.

Zufrieden ist er jedoch noch nicht ganz - wie die Sportgewerkschaft younion erneuert er die Forderung an die Politik nach einem Berufssportgesetz. Nur so sind auch alle Athleten im Ernstfall abgesichert - dazu zählt beispielsweise auch, ob ein Athlet im Falle einer Pandemie automatisch Anspruch auf Kurzarbeitsgeld hätte.

Müllers Training trägt Früchte

Wie es Lukas Müller momentan geht? Die vergangenen neun Monate hatten es für ihn in sich: Innerhalb von fünf Monaten hatte er drei Operationen an beiden Ellenbögen und aufgrund des Corona-bedingten Lockdowns war eine Physiotherapie für ihn nicht möglich. "Seit Anfang Mai trainiere ich deshalb auf Anschlag", sagt er. Fünf Mal die Woche Physiotherapie, zusätzlich dazu mindestens ein Krafttraining - so dicht sieht der Trainingsplan des Kärntners aus. "Ich will die versäumte Zeit aufholen, aber mehr geht nicht, man muss dem Körper auch Pausen einräumen - auch bei mir als jemandem, der hartes Training über Jahre kennt", meint er. "Allerdings ist es zumindest so, dass ich nach wie vor den Rollstuhl kurzzeitig oder teilweise auch für eine etwas längere Zeit verlassen kann. Das mag dann zwar ziemlich anstrengend sein, aber führt manchmal zu Situationen, die viel Freude bereiten - wie am 9. Juli, als ich einen kleineren Berg mit Krücken hochgegangen bin", so der 28-Jährige.

Auch in der Zukunft möchte sich Lukas Müller für das Berufssportgesetz "mit allem, was in meiner Macht steht" einsetzen: "Wenn eine unternehmerische Tätigkeit zulasten der Gesundheit der Sportler geht, dann bin ich der Erste, der dagegen aufsteht.