Ausgerechnet am Diamond, wie das Spielfeld im Baseballsport genannt wird, ist die Welt noch in Ordnung. Seit der Wahl eines so bildungs- wie vernunftbefreiten Ex-Reality-TV-Stars zum Präsidenten hat das Primat der Wissenschaft in den USA politisch wie gesellschaftlich ausgedient; an den Hebeln der Macht sitzen seitdem Leute, von denen die meisten in jeder anderen, auch nur halbwegs funktionierenden Gesellschaft zwischen geschlossener Psychiatrie und halboffenem Strafvollzug hin- und hergereicht würden. Das Ausrufezeichen, das die Major League Baseball (MLB) am Donnerstag um Punkt sieben Uhr acht nachmittags Ostküstenzeit (acht Minuten nach Mitternacht MESZ) setzen wird, ist dieser Realität entsprechend kein kleines. In der Hauptstadt, Heimat der dort ansässigen Washington Nationals, wird auf ihre Einladung hin niemand Geringerer als Doktor Anthony Fauci den sogenannten "Opening Day Pitch" werfen.

Ein kaum zu unterschätzendes politisches Signal. Der 79-Jährige, formal der oberste Berater Donald Trumps in Sachen Coronavirus, gilt der rechten bis rechtsradikalen US-Reichshälfte als Paria. Bis heute weigert sich Fauci, sich dem Diktum des Präsidenten und seiner Handlanger im Kongress zu unterwerfen, die die Gefahr des Virus herunterspielen, wenn sie seine Existenz nicht gleich ganz leugnen. Der MLB, den amtierenden Meistern - in der vergangenen Saison bogen die Nationals in der World Series die Houston Astros - und ihren Gästen, den New York Yankees, ist der Zorn des MAGA-Mobs, der die traditionelle Zeremonie schon im Vorfeld überschattete, offenbar schnurz. In bewegten Zeiten wie diesen ist ihnen damit immerhin der Respekt und die Anerkennung jenes Teiles von Amerika sicher, der sich noch nicht komplett von jeglichem zivilisatorischen Konsens verabschiedet hat. Zujubeln oder verfluchen dürfen die Menschen die Teams und Fauci nur vor dem Fernseher, Zuschauer sind im Nationals Park wie in den Stadien im Rest des Landes bis auf Weiteres nicht zugelassen.

Angesichts der virusbedingten Zustände war lange Zeit fragwürdig, ob eine Saison heuer überhaupt stattfinden würde. Am Ende setzte sich, wie im europäischen Fußball, bei allen maßgeblich Beteiligten die Erkenntnis durch, dass praktisch alles denkbar wäre, nur eins nicht: der Verzicht aufs Fernsehgeld. Rund 1,6 Milliarden Dollar lässt sich das Triumvirat Fox, Turner und ESPN seit 2014 jedes Jahr die MLB-Übertragungsrechte kosten und die einst geschlossenen Verträge laufen noch bis 2021. Angesichts dieser Summe stand trotz des bisweilen offenen Widerstands der Gewerkschaft eine Totalabsage nie wirklich zur Debatte. Am Ende brauchte es trotzdem Commissioner Rob Manfreds Machtwort, das sich in seiner Essenz so darstellt: eine reguläre Saison mit 60 Spielen für jedes Team, ausgespielt in kaum mehr Tagen, und damit basta.

Absolute Maskenpflicht

Nicht nur rein numerisch stellt diese "Light"-Version des Wettbewerbs einen monumentalen Einschnitt dar. Abgesehen vom Totalverzicht auf Zuschauer werden die 30 auf die National und die American League verteilten MLB-Teams ihre Tätigkeiten auf ihre unmittelbaren Regionen beschränken, um Langstrecken-Reisen so weit wie möglich zu minimieren; und dann sind da noch die mit der Vorbeugung gegen eine Ansteckung mit dem potenziell tödlichen Virus einhergehenden Maßnahmen, die das Spiel in noch nicht wirklich identifizierbarer Weise beeinflussen werden. Während regelmäßige Tests obligatorisch sein werden und in den Klubhäusern und auf der Bank für Coaches und Manager absolute Maskenpflicht herrscht, hat die MLB das Tragen nämlicher auf dem Spielfeld selbst für optional erklärt. Ein Experiment, das schon jetzt seltsame Blüten zeitigt, allen voran für das einzige kanadische Mitglied der Liga. Weil die Toronto Blue Jays als einzige Mannschaft von Gesetz wegen nicht in ihrer Heimstätte Rogers Centre antreten dürfen - weil Kanada US-Bürgern, die nicht quasi lebenswichtige Gründe für eine Einreise haben, nämliche bis heute verweigert -, suchten sie bis zuletzt nach Ersatz. Kurz vor Redaktionsschluss war Pittburgh als Ersatzheimat im Gespräch, aber die Blue Jays ließen verlauten, dass sie mit der Entscheidung, wo in den USA sie am Ende das kanadische Fähnchen hochhalten werden, bis zum letzten Moment warten wollen.

Angesichts dessen treten alle Fragen, die das rein sportliche angehen, in den Hintergrund, aber der Vollständigkeit halber: Nachdem sich an den Machtverhältnissen im professionellen Baseball in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert hat, ist sich die Fachpresse auch heuer fast einig, wem sie den Einzug in die World Series 2020 zutraut: aus der National League den Atlanta Braves, den St. Louis Cardinals, den Los Angeles Dodgers und Nationals; aus der American League den New York Yankees, den Minnesota Twins, und den Houston Astros. Letztere gelten übrigens nach wie vor und zurecht als Buhmänner. Wie erst Anfang des Jahres amtlich wurde, hatten die Astros jahrelang betrogen, indem sie illegal Videos von den Signalen anfertigten, die gegnerische Pitcher und Catcher austauschten. Immerhin: Kein anderes Team passt damit besser in die Trump-Ära als sie.