Sie war die erstrangige Abräumerin bei den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau: 80 Mal Gold, 69 Mal Silber und 46 Mal Bronze - noch nie hatte eine Nation (mit Ausnahme der USA 1904) bei einem einzigen Großereignis so viele Medaillen geholt. Rechnet man zu den Edelmetallgewinnen der Sowjetunion noch jene der an zweiter Stelle platzierten DDR hinzu, kamen allein diese beiden Länder auf beinahe die Hälfte aller Medaillen, nämlich 312 (von 631). Dementsprechend jubelnd wurden daher auch die sowjetischen und ostdeutschen Athletinnen und Athleten bei der Schlussfeier am 3. August 1980, also vor exakt 40 Jahren, von der Welt gefeiert - von der östlichen, sozialistisch regierten Welt wohlgemerkt. Denn ein großer Teil glänzte, bis auf einige Ausnahmen, in Russland mit Abwesenheit, weswegen die XXII. Olympischen Sommerspiele auch als Boykottspiele in die Sportgeschichte eingingen. Aber was war da passiert?

Nun, wer Moskau 1980 verstehen will, muss zunächst München 1972 und Montreal 1976 verstehen. Es war die Zeit der afrikanischen Olympia-Boykotte und die Entkolonialisierung des schwarzen Kontinents nach wie vor in Gang. Während sich in Angola und Mosambik portugiesische Truppen blutige Kämpfe mit Guerillas lieferten, machten die in Rhodesien (Simbabwe) und Südafrika herrschenden weißen Eliten keine Anstalten, etwas an ihren Apartheid-Systemen zu ändern. Dagegen machten 1972 die übrigen Staaten Afrikas, derer immerhin 27, mobil und wurden beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Genf vorstellig. Die Botschaft lautete: Entweder die oder wir. Das konnte das IOC freilich nicht ignorieren. Während der Ausschluss Südafrikas ohne Widerspruch blieb - das Land war schon 1964 und 1968 nicht zugelassen gewesen -, nahm man den Beschluss, 46 rhodesische Sportler unterschiedlicher Hautfarbe nach München einzuladen, nur zögerlich zurück. Bei der Abstimmung setzten sich die Boykotteure schließlich mit 36 zu 34 Stimmen durch.

Weniger Erfolg mit ihrer Boykottpolitik hatten die Afrikaner aber im Vorfeld der Sommerspiele 1976 in Montreal. Anders als 1972 hatte man sich diesmal nicht etwa ein rassistisches Regime, sondern das völlig unverdächtige Neuseeland als Feindbild erwählt. Stein des Anstoßes war eine Tour der Rugby-Nationalmannschaft durch Südafrika gewesen, woraufhin gleich 24 afrikanische Länder den Ausschluss der Neuseeländer von Olympia forderten. Allerdings blitzten die Boykott-Befürworter diesmal beim IOC ab, nicht einmal die sonst sympathisierenden Staaten des Ostblocks gingen mit. Allein, die Afrikaner machten ihre Drohung dennoch wahr und pfiffen ihre Delegationen zurück. Es sollte in Montreal vorläufig das letzte Mal sein, dass sich Ost und West im sportlichen Wettstreit maßen - zumal nun auch die Supermächte USA und Sowjetunion am Olympia-Boykott Gefallen fanden.

Tatsächlich lagen die Ursachen dafür, dass die USA zu Jahresbeginn 1980 das IOC aufforderten, die Olympischen Spiele von Moskau in eine andere Stadt zu verlegen, etwas anders. Nicht Rassismus und Diskriminierung bewogen die Amerikaner zu diesem Schritt, sondern realer Krieg. Im Dezember 1979 war die Rote Armee in Afghanistan einmarschiert, um den radikal-islamischen Einfluss, der die zentralasiatischen Sowjetrepubliken bedrohte, zurückzudrängen und mit der Installierung einer moskaufreundlichen Regierung den eigenen Einflussbereich auszuweiten. Allerdings wollte auch hier das IOC von einem Bann nichts wissen, was wiederum US-Präsident Jimmy Carter in Rage versetzte.

Am 12. April 1980 beschloss das nationale olympische Komitee der USA auf Druck des Präsidenten den Olympiaboykott, ein Monat später zogen auch Japan, Kanada, die Türkei und eine Reihe verbündeter Länder, darunter Westdeutschland und Norwegen, ihre Delegationen zurück. Die Zahl der Teilnehmer schrumpfte so auf 81 Staaten. Für die meisten Sportlerinnen und Sportler der boykottierenden Länder war der Nicht-Antritt bei Olympia verständlicherweise zumindest doppelt unpopulär, für manche, die gerade auf ihrem Leistungshöhepunkt waren, eine persönliche Katastrophe. Vergeblich hatten sie sich auf die Spiele vorbereitet, einige waren sogar Goldfavoriten, wie beispielsweise der deutsche Zehnkämpfer Guido Kratschmer. Gold im Zehnkampf holte hier später aber nicht etwa ein sowjetischer oder ostdeutscher Athlet, sondern der Brite Daley Thompson, dessen Land den Boykott so wie 16 andere westliche Staaten, darunter Italien, Österreich und die Schweiz, nicht mitgetragen hatte.

Vier Medaillen für Österreich

Für Rot-Weiß-Rot verliefen die Spiele übrigens erfolgreich, Olympia 1980 bescherte Österreichs Equipe mit vier Mal Edelmetall die beste Medaillenbilanz seit London 1948. Nun hatte man die Gesamtzahl von vier Medaillen schon einmal, 1968 in Mexiko, erreicht, dafür sorgte die erst 23-jährige Elisabeth Theurer für das erste Gold seit 20 Jahren. Auf Mon Cherie holte sie sich den Olympiasieg im Dressurreiten. Der Finn-Dinghi-Segler Wolfgang Mayrhofer sowie das Duo Hubert Raudsschl und Karl Ferstl (Starboot) gewannen Silber, zudem gab es für den Schützen Gerhard Petritsch Bronze. Die großen Sieger in Moskau blieben die Sowjetunion und die DDR, wenngleich dank mehr oder weniger uneingeschränkten Dopings, wie man heute weiß.

Wer allerdings gehofft hatte, dass der Boykott der Olympischen Spiele politisch etwas bewirken würde, wurde enttäuscht. Nicht nur blieben die russischen Soldaten in Afghanistan stationiert, auch beschloss das nationale olympische Komitee der UdSSR auf Geheiß des Kremls, seinerseits den Sommerspielen 1984 in Los Angeles fernzubleiben - mit der offiziellen Begründung der mangelnden Sicherheit für seine Athleten. Die Sportlerinnen und Sportler aus 18 weiteren sozialistischen Nationen folgten, wenn auch nur widerwillig.

Aber nicht nur sie standen als Verlierer da, sondern auch die Olympische Idee. Umso erstaunlicher ist es, dass die olympische Welt (mit Ausnahme von Nordkorea, Kuba und fünf weiteren Ländern) 1988 in Seoul fast wieder zusammenfand. Die eigentliche olympische Wiedervereinigung folgte vier Jahre später in Barcelona. Die Zeit des Ost-West-Konflikts war vorbei - und damit auch die der großen Boykottspiele.