Normalerweise ist das ja so: Je länger eine Tour de France dauert, desto schwerer werden die Beine, desto müder und auch häufiger gebrochen werden die Knochen. Nun, nicht einmal eineinhalb Wochen vor dem am 29. August in Nizza geplanten Start, ist alles ein bisschen anders. Und das liegt nicht nur an den Corona-bedingten Einschränkungen, die die dreiwöchige Rundfahrt zu einer zusätzlichen Herausforderung machen. Denn aktuell scheint es so, dass das halbe Feld mit anderen Einschränkungen, nämlich körperlicher Natur, zur prestigeträchtigsten Rundfahrt der Welt rollt.

Abgesehen von den jüngsten Horrorstürzen von Remco Evenepoel und Fabio Jakobsen, die zuletzt zu einer Sicherheitsdebatte im Radsport und viel Kritik geführt hatten, mussten beim traditionellen Critérium du Dauphiné gleich fünf Topfahrer wie Nairo Quintana vor der Ziellinie ab- beziehungsweise aussteigen, ihr Antreten bei der Tour ist aber derzeit nicht in Gefahr.

Anders sieht die Sache beim vierfachen Toursieger Chris Froome aus. Er wurde wie sein Ineos-Teamkollege Geraint Thomas, Gewinner des gelben Trikots im Jahr 2018, gar nicht erst nominiert. Froome kann zwar rund ein Jahr nach seinem folgenschweren Sturz wieder Rennen fahren, für die Frankreich-Rundfahrt reiche es aber noch nicht, teilten er und sein Rennstall am Mittwoch mit. Für den Briten, der Mitauslöser eines Rad-Booms in seiner Heimat war, war die Entscheidung besonders bitter. Schließlich wechselt er nach dieser Saison das Team und geht zu Israel Start-up Nation, dem in näherer Zukunft eher weniger gute Siegchancen bei den größten Rundfahrten zugetraut werden.

Taktischer Schachzug?

Während Ineos, das die vergangene Dekade - zunächst unter dem Vorgängernamen Sky - nach Belieben dominiert hatte, nun in Frankreich vom kolumbianischen Vorjahressieger Egan Bernal angeführt wird, soll beim Giro Thomas und bei der Vuelta a España Froome Kapitän sein - dann mit Helferdiensten Bernals. Bei Ineos bemüht man sich, die Entscheidung gegen den langjährigen Kapitän nicht als Degradierung darzustellen, das Gegenteil sei der Fall, versichert Teamchef Dave Brailsford. "Chris ist eine Legende des Sports, ein wahrer Champion. Wir wollen ihn dabei unterstützen, eine weitere Grand Tour zu gewinnen, und die Vorbereitung auf die Vuelta gibt ihm das kleine bisschen mehr Zeit, das er vielleicht braucht, um wieder in Topform zu kommen."

Für den 35-Jährigen, der bis zuletzt gehofft hatte, doch noch rechtzeitig in Form zu kommen, sei es "schwer, die Zielsetzung zu ändern. Ich bin aber nicht überzeugt, bei der Tour den notwendigen Job erfüllen zu können. Die Vuelta ist da viel realistischer."

Wackelt nun also in Abwesenheit zweier Topstars das Denkmal des Teams? Oder ist alles tatsächlich ein weiterer kluger Schachzug Brailsfords, der sich als Mastermind zum Ziel gesetzt hat, alle drei großen Rundfahrten in einem Jahr zu gewinnen? In Bernal hat er bei der Tour immerhin den Vorjahressieger in seinen Reihen - wenngleich er die Dauphiné wegen Rückenbeschwerden nicht beendete. Der Giro könnte mit seinen drei Zeitfahren tatsächlich Thomas am besten liegen, zudem wäre ihm (und damit dem Team) eine weitere Schlagzeile sicher. Noch nie hat ein Walise in Italien als Sieger zugeschlagen. Froome wiederum gilt derzeit zwar nicht als Sieganwärter, hat aber schon viele Überraschungen geliefert - zudem in Spanien den Vorteil, im Vergleich zu den Kollegen ausgeruhter an den Start gehen zu können.

Frankreich hofft weiter

Die haben ohnedies jetzt schon mit Problemen zu kämpfen. Nairo Quintana, der die Tour schon dreimal unter den Top drei beendet und Giro sowie Vuelta je einmal gewonnen hat, stieg bei der Dauphiné kurz vor dem Ziel wegen Knieschmerzen aus, nachdem er im Juli beim Training von einem Auto angefahren worden war. Primoz Roglic trat zum Finale ebenfalls nicht mehr an, nachdem er bis dahin geführt, dann aber bei einem Sturz Blessuren davongetragen hatte.

Doch vielleicht schlägt in Frankreich ohnehin die Stunde eines anderen, nämlich Thibaut Pinot. Der 30-Jährige, Zweiter bei der Dauphiné, trug schon im vergangenen Jahr die Hoffnung der Franzosen und lag in hervorragender Position, ehe ihn und die ganze Nation eine Verletzung auf der 19. Etappe aus allen Träumen riss. Ein französischer Sieger auf der Champs-Élysées, der erste seit Bernard Hinault 1985? Es wäre wohl die Krönung einer ganz und gar nicht normalen Tour.