Die Rollen knirschen am heißen Asphalt, die Sonne sticht vom Himmel, man hört leise Musik - ein Blick durch die Absperrgitter verrät, was sich hier tut: Nicht unweit der Landstraßer Hauptstraße befinden sich Rampen und Hindernisse, unterschiedlich hoch, unterschiedlich gebaut und für so gut wie jeden Schwierigkeitsgrad geeignet - eingebettet zwischen Autobahn und Media Quarter Marx liegt einer von Wiens unkonventionellsten Skateparks.

Ist der Spielplatz der Skater in den frühen Morgenstunden und in der Mittagssonne fast leer - am Nachmittag begehen die Skater Siesta, besonders in der Sommerhitze ist es schlicht und einfach zu heiß, um dort über die farbenprächtigen Rampen zu glühen - trudeln in den Abendstunden die unterschiedlichsten jungen Leute nach und nach ein. "Hey", begrüßt der eine den anderen. Die meisten zählen zu einer eingefleischten Gruppe hier, man kennt sich schon. Neulinge sind aber dennoch immer willkommen. "Ich habe vor einem Jahr begonnen", erzählt ein junger Bursch im Alter von 16 Jahren. Schaut man ihm zu, kann man es fast nicht glauben, dass er erst seit einer so kurzen Zeit auf dem Board unterwegs ist. "Ich bin in der Woche sicher fünf Mal hier", sagt er und ergänzt: "Jedes Mal, wenn du auf das Board raufgehst und fährst, verbesserst du dich." Die Begeisterung fürs Skaten - die Sportart entstand in den 1960er Jahren in den USA mit dem Ziel, die Surfbewegungen auf der Straße nachzuahmen - hat er durch soziale Netzwerke wie Instagram entdeckt, auch die Tricks hat er nicht etwa in einem Kurs erlernt, sondern sich durch Youtube-Tutorials selbst beigebracht. Besonders bei seinem ersten Sprung, dem sogenannten Ollie, "ein Basic-Kick" - man springt hoch in die Luft und dann wieder runter -, sei ihm schwergefallen, sich zu überwinden.

Der Ollie ist einer der ersten Tricks, den man lernt. - © WZ/Moritz Ziegler
Der Ollie ist einer der ersten Tricks, den man lernt. - © WZ/Moritz Ziegler

Seine ersten Schritte machte der Wiener im Skatepark in St.Marx. Dieser stellt eine Besonderheit dar, wurde er doch nicht von der Stadt selbst gebaut, sondern von Alm Diy, einem gemeinnützig orientierten Verein, dessen Vorhaben durch Spenden finanziert werden. In der Skaterszene ist der Park auch unter dem Namen Minimundus bekannt - einem Begriff, bei dem die meisten Menschen wohl an die Nachbauten der berühmten Wahrzeichen der Welt im Miniaturmuseum der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt denken. Und auf eine gewisse Art und Weise ist ja auch der Minimundus-Skatepark in Wien ein Nachbau. Ein Nachbau eines traditionellen Skateparks, nur neu gestaltet - ein Neubau sozusagen.

In den Mittagsstunden steht der Skatepark noch leer. - © Krapf
In den Mittagsstunden steht der Skatepark noch leer. - © Krapf

Skatepark selbst gemacht

Rund um den 2015 gegründeten Skatepark in Neu-Marx hat sich der Verein Alm Diy geformt, der angefangene Projekte an öffentlichen Plätzen weiterführt, Skateplätze aufhübscht beziehungsweise eigene gestaltet und verwaltet - so auch jenen in St. Marx. Das Konzept hinter "do it yourself" (also zu Deutsch selbstgemacht): Jeder hilft mit, bringt Ideen ein und darf sich dafür nachher mit dem Skateboard oder den Inline-Skates an den Füßen an den Rampen und im Parkour an seinen Skatekünsten versuchen.

Einen Teil des Flairs aus der Zeit der Gründung des Skateparks kann man heute noch spüren - da und dort liegen einige Werkzeuge bereit, um entweder an den Fahrgeräten oder direkt an der Rampe zu schrauben. Die Skater dort sind auf niemanden angewiesen, ihrer Leidenschaft können sie fast immer und überall nachgehen. "Überhaupt, Skateparks gibt es in Wien eigentlich ganz viele. Die Straßen könnten aber besser sein - es gibt sehr viele Hindernisse, die das Fahren erschweren", betont ein Skater und ergänzt: "Am liebsten fahr ich aber sowieso hier."

Die Freude, mit der die jungen Leute ihrer Leidenschaft nachgehen, ist deutlich spürbar. Verbringt man einige Zeit am Platz, bekommt man auch einen Vorgeschmack auf ihre Mentalität und ihren Lifestyle. Die Schuhe seien mit am wichtigsten, erzählt der 16-jährige Bursche und deutet auf seine schwarzen Converse All Stars. Es gehe jedoch, wie man vielleicht zu Beginn vermuten würde, nicht nur darum, dass das Schuhwerk lässig aussieht, sondern vielmehr darum, dass man bei den Stunts Grip habe. Der junge Skater veranschaulicht sein Statement sogleich in einem Sprung: "Was wollen Sie denn sehen? Einen Kickflip? Haben Sie’s fotografiert? Ich weiß nicht, ob ich das gleich wieder so hinbringe." Und tatsächlich: Schon das nächste Mal funktioniert es nicht so gut - der berühmt-berüchtigte Vorführeffekt eben. Aber schließlich gehe es beim Skaten ohnehin nicht um den perfekten Trick oder wer der beste Athlet sei, sondern vielmehr um das Gemeinsame, um das Beisammensein und die dadurch entstehende Verbundenheit quer durch alle sozialen Schichten und Altersgruppen. Laut dem Wiener Skateboard Landesfachverband - der Interessensvertretung der Wiener Skateboardszene und Vermittler zwischen aktiven Sportlern und Förderern - stellt die Skateszene mit mehr als einer Million Skateboardern die größte sportzentrierte Jugendszene im deutschsprachigen Raum dar, und die Tendenz sei steigend.

Sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene finden passende Rampen. - © WZ/Moritz Ziegler
Sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene finden passende Rampen. - © WZ/Moritz Ziegler

Olympia-Ehren in Tokio

Dass Skateboarden ab 2020, beziehungsweise aufgrund des Coronavirus 2021, in Tokio nun olympisch werden sollte, spaltet die Szene: Ein Teil begrüßt die Aufnahme, die Skater in St. Marx sehen diese Entwicklung als keine große Errungenschaft, eher im Gegenteil. "Beim Skaten sollte es nicht darum gehen, welches Land gewinnt. Das eigentliche Ziel sollte sein, dass die Länder durch das Skaten zusammenkommen, nicht dass sie gegeneinander kämpfen", betont der 16-jährige Bursche.

Doch egal ob Skaten nun olympisch wird oder nicht, ihre Mentalität werden die Skater so und so behalten. Denn Skaten verbindet. "Und wenn’s dich hinhaut, steh einfach immer wieder auf, und gib nicht auf."