So etwas hat der Radsport noch nicht erlebt. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie ist die heurige Tour de France eine regelrechte Fahrt ins Ungewisse. Denn lange Zeit war fraglich, ob die weltbesten Radrennfahrer überhaupt ins bekannteste und für viele auch bedeutendste Straßenradrennen der Welt starten können. Erst im April kam dann die Bestätigung des Veranstalters, die für große Erleichterung in den Rennställen sorgte: Die Tour de France findet statt. Trotz medizinischer Bedenken und zweimonatiger Verschiebung konnte und wollte Frankreich nicht auf sein sportliches Monument verzichten. Komme, was wolle.

Ans Tageslicht traten aber noch vor Beginn der Tour zwei "nicht-negative" Corona-Fälle im Betreuerteam des belgischen Rennstalls Lotto-Soudal. Ein Ausschluss des gesamten Teams stand aber dank einer kurzfristigen Regelmilderung diesbezüglich nicht zur Debatte. Glück gehabt! Denn nur einen Tag nach Bekanntwerden der Fälle verschärfte der Veranstalter der Tour die Corona-Maßnahmen erneut und beschloss, dass - anders als zuvor - nun doch zwei positive Corona-Tests im gesamten Team inklusive Umfeld für einen Ausschluss des Rennstalls genügen. Ein Abbruch der Tour schwebte daher seit Beginn "wie ein Damoklesschwert über uns", sagte der Deutsche Tony Martin und befürchtete, "dass jeder Tag der letzte sein könnte".

Eine ungewöhnliche Tour de France nimmt ihren Lauf

Dennoch ertönte am Samstag, den 29. August, der Startschuss für das nach den Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften drittgrößte Sportereignis der Welt. Unter strikten Corona-Maßnahmen - unter anderem waren statt der eigentlich erlaubten 5000 Zuschauer im Start- und Zielbereich nur einige Dutzend Personen erlaubt - holte sich der 33-jährige Norweger Alexander Kristoff in der Corona-bedingten "roten Zone" von Nizza den Sieg über die erste Etappe der Tour de France. Das Rennen war dabei aufgrund der rutschigen Strecke von zahlreichen Stürzen geprägt. So konnte beispielsweise Ex-Weltmeister Philippe Gilbert die Tour de France nach einer Kniescheibenfraktur am linken Knie, welche er sich auf der ersten Etappe zuzog, nicht mehr fortsetzen.

Auch die französischen Publikumslieblinge Julian Alaphilippe und Thibault Pinot waren im Sturzpech. Besser machte es Alaphilippe allerdings am nächsten Tag. Der Lokalmatador aus Frankreich entschied am Sonntag die zweite Etappe, ein bergiges Teilstück über 186 Kilometer im Hinterland von Nizza, für sich und schlüpfte wie im Vorjahr ins Gelbe Trikot des Gesamtführenden. Dieses behielt Alaphilippe auch nach der dritten Etappe am Montag, bei der sich der 26-jährige Australier Caleb Ewan im Massensprint von Nizza nach Sisteron durchsetzte.

Die erste Bergankunft und gleichzeitig die vierte Etappe der Tour entschied allerdings der ehemalige Skispringer Primoz Roglic für sich. Der 30-jährige Slowene verbesserte sich dank des Tagessieges auf Rang drei des Gesamtklassements hinter dem immer noch Führenden Julian Alaphilippe und dem Briten Adam Yates. Roglic war bereits vor Beginn der Tour de France vom Titelverteidiger Egan Bernal zum Favoriten auserkoren worden. "Er war bei den letzten Rennen der Stärkste. Er ist geflogen", sagte der Kolumbianer in schwärmerischem Ton über seinen slowenischen Konkurrenten.

Auf der fünften Etappe, der 183 Kilometer langen Strecke von Gap nach Privas, setzte sich der Belgier Wout van Aert durch. Für Gesprächsstoff sorgte aber viel mehr Julian Alaphilippe, der von der Jury eine 20-sekündige Zeitstrafe aufgebrummt bekam, da er 17 Kilometer vor dem Ziel eine Getränkeflasche angenommen hatte - erlaubt ist dies auf den letzten 20 Kilometer aber nicht mehr. Die Sanktionierung sorgte nach dem Rennen für ein wenig Chaos, weil plötzlich der Brite Adam Yates als Gesamtführender gelistet wurde und nicht mehr Alaphilippe, der nach dieser Farce nur mehr auf Rang 16 aufschien. Allerdings nur mit einem minimalen Rückstand von 16 Sekunden. Während der Brite erklärte, dass dies "nicht die Art und Weise ist, wie man das Trikot holen will", zeigte sich der französische Schuldige bereits angriffslustig und meinte: "Morgen komme ich zurück." Dies gelang vorerst allerdings nicht, Yates verteidigte sein Trikot auf dem sechsten Teilstück erfolgreich.

Pyrenäen-Etappen versprechen Spannung

Auf jeden Fall verspricht der weitere Verlauf der Tour de France, welche planmäßig am 20. September in Paris auf der Champs-Élysées ihr Grand Final erleben soll, nicht nur aufgrund der engen Zeitabstände viel Spannung. Die herausforderndsten und somit auch wichtigsten Bergetappen in den Pyrenäen stehen mit den Etappen acht und neun noch bevor. Insofern darf man gespannt sein, ob Alaphilippe als ausgewiesener Bergfahrer das Gelbe Trikot wieder an sich reißen kann oder ob einer seiner Konkurrenten das Rennen macht.