Jochen Rindt verfolgte in seiner Rennsportkarriere nur ein großes Ziel: Er wollte unbedingt Formel-1-Weltmeister werden. Doch diese unbändige Leidenschaft, die Rindt für den Motorsport empfand, sollte dem charismatischen Draufgänger schließlich zum Verhängnis werden. Am 5. September 1970 ereignete sich im Training zum Grand Prix von Monza, wo am Sonntag (15.10 Uhr) das achte Rennen der diesjährigen Formel-1-Saison stattfindet, jener folgenschwere Unfall, der das Leben des erst 28-Jährigen jäh beendete. Beim Überholen eines konkurrierenden Wagens brach die vordere rechte Bremswelle an seinem Lotus 72, sodass dieser in die Leitplanken prallte und auseinanderbrach. Die schweren Verletzungen, die sich Rindt bei diesem Unglück zuzog, beendeten seine 60 Grand Prix umfassende Rennkarriere - und sein Leben.

Dabei war es nie Rindts Kindheitstraum, einmal Motorsportler zu werden. Wie das 1942 im deutschen Mainz geborene Talent, das im Alter von nur einem Jahr zu seinen Großeltern nach Graz zog, in einer Dokumentation verriet, war es eher einem Zufall zu verdanken, dass Österreich erstmals einen Landsmann in der Formel-1-Rennserie bejubeln durfte. Indem ein Bekannter seiner Mutter, ein Rallyefahrer, ihn im Jugendalter zum Rennfahren mitnahm, entdeckte Jochen Rindt erstmals seine Leidenschaft für das schnelle Autofahren und entschloss sich 1961 schließlich zu einer Motorsportkarriere.

"Weltmeister oder sterben"

Die Grabstätte von Jochen Rindt auf dem Grazer Zentralfriedhof. - © APAweb /Stangl
Die Grabstätte von Jochen Rindt auf dem Grazer Zentralfriedhof. - © APAweb /Stangl

Seinen ersten Sieg feierte der bis heute einzige Pilot, der posthum Formel-1-Weltmeister wurde, beim 24-Stunden-Klassiker in Le Mans 1965. In der Königsklasse, der Formel 1, fehlte ihm hingegen lange Zeit ein siegfähiges Auto. Erst 1969 sollte Rindt seinem lang ersehnten Traum, ein Formel-1-Rennen als Sieger zu beenden, näherkommen. Denn Lotus-Chef Colin Chapman, der nicht nur im Fahrerlager als genialer aber zugleich auch rücksichtsloser Konstrukteur verschrien war, holte ihn in diesem Jahr ins Team. Jochen Rindt wusste zwar um die Gefahr, welcher er als Test-Dummy von Chapman ausgesetzt war, doch er sah im Wechsel zum Lotus-Team seine einzige Chance auf den Weltmeistertitel. Als hätte er sein Schicksal geahnt, meinte das Formel-1-Idol vor seiner Vertragsunterzeichnung: "Bei Lotus kann ich Weltmeister werden - oder sterben." Die Beziehung gestaltete sich von Beginn an äußerst schwierig und als ein technisches Gebrechen am Wagen in Barcelona zu einem Unfall Rindts führte, schimpfte er öffentlich über den Lotus-Chef und meinte, dass er "zu Lotus noch nie ein Vertrauen gehabt hätte". Dennoch war die Zusammenarbeit auch von Erfolgen geprägt. So triumphierte der gebürtige Deutsche, der Zeit seines Lebens für Österreich an den Start ging, 1970 nicht nur in Monaco, sondern startete in Zandvoort eine beeindruckende Siegesserie, die erst vier Rennen später ausgerechnet bei seinem Heimatrennen auf dem Österreich-Ring zu Ende ging. Dennoch hatte er mit 45 Punkten als Führender alle Chancen auf den Weltmeister-Titel.

Seit einigen Tagen schmückt ein Rindt-Schriftzug eine Grazer Straßenbahngarnitur. - © APAweb /Stangl
Seit einigen Tagen schmückt ein Rindt-Schriftzug eine Grazer Straßenbahngarnitur. - © APAweb /Stangl

Doch am 5. September ereignete sich der tödliche Unfall in Monza. Die Erschütterung in und außerhalb der Motorsport-Welt über Rindts Tod war groß, vergleichbar nur mit den Unfall-Tragödien des Briten Jim Clark 1968 auf dem Hockenheimring und des Brasilianers Ayrton Senna 1994 in Imola. 30.000 Menschen gaben Rindt in Graz sechs Tage nach dessen Tod das letzte Geleit.

Da Ferrari-Pilot Jacky Ickx seine Chance, den verstorbenen Rindt in der Weltmeisterschaft noch abzufangen, aber verabsäumte, wurde Jochen Rindt posthum zum Formel-1-Weltmeister erklärt. Ickx gestand Jahre später seine Erleichterung über diesen Umstand: "Das Schönste war zu erleben, wie der Weltmeistertitel dann doch noch an Jochen ging." Als Nina Rindt die von ihrem Mann lange ersehnte WM-Trophäe entgegennahm, war er bereits seit zwei Monaten tot. Der Traum, für den er lebte, ging nach seinem Ableben in Erfüllung: Er war Formel-1-Weltmeister.

Organisator und Moderator

Doch nicht nur deshalb war Rindt ein regelrechter Popstar der Formel 1 und weit über das kleine Österreich hinaus als Pionier und Vorbild der Motorsportszene bekannt. Die außergewöhnliche Karriere des ersten Österreichers im Formel-1-Zirkus mag dem Großteil seiner Landsleute nicht fremd sein. Weniger bekannt dürfte hingegen Rindts Engagement sein, den Motorsport auch in Österreich populär zu machen. Mit seiner berüchtigten Unbekümmertheit und seinem bereits früh ausgeprägten Geschäftssinn ließ er sich zur Initiierung einer eigenen Show - der Jochen-Rindt-Show - inspirieren. Die erstmals im Wiener Messepalast - dem heutigen Museumsquartier - 1965 veranstaltete Show, bei der heimische Fans erstmals echte Rennwagen aus nächster Nähe betrachten konnten, schlug ein wie eine Bombe. Der große Publikumsandrang und die umfassende mediale Berichterstattung zeugten von einem vollen Erfolg der Jochen-Rindt-Show, die nach dessen Tod von seiner Frau Nina weitergeführt wurde.

Doch nicht nur als ausgezeichneter Rennfahrer und Organisator ist Jochen Rindt der Welt in Erinnerung. Seine sympathische und durchaus charismatische Art, mit Leuten zu reden und sich zu präsentieren, nutzte der vielseitige Grazer in der ORF-Sendung "Motorama". In dieser, zum regelrechten Kult gereiften Sendung führte Jochen Rindt ganz ungeniert Siegerinterviews mit seinen Rennfahr-Kollegen - oder auch mal mit sich selbst. Den letzten "Motorama"-Beitrag drehte Rindt übrigens noch am Unfalltag in Monza, nur wenige Minuten vor seiner Todesfahrt. Da der Ton allerdings aufgrund des einsetzenden Motorenlärms nicht allzu gut zu hören war, meinte er noch: "Das war nicht gut, das ist zu laut, ich werde das nach dem Training noch einmal drehen." Dazu kam es leider nicht mehr.

Jochen Rindt lebt

Die viel zu früh verstorbene Motorsportlegende prägte den österreichischen Sport wie kaum ein anderer Rennfahrer. Deshalb hat man sich zu seinem 50. Todestag einiges einfallen lassen. So wurde diese Woche beispielsweise eine Straßenbahn in Graz auf Jochen Rindt gebrandet. Die Aufschriften "Popstar", "Weltmeister" und "Weltenbürger" sollen den verschiedenen Facetten Rindts gerecht werden. Die Tram trägt auch den Schriftzug "Jochen Rindt lebt" - eine Anspielung auf jene Schilder mit der gleichen Aufschrift, die unzählige Formel-1-Fans in den Rennen nach Rindts Unfalltod in Monza hochgehalten hatten. Weggefährte Erich Glavitza widmete ihm mit dem Buch "Jochen Rindt - Ikone mit verborgenen Tiefen" ein umfassendes Porträt und auch Helmut Marko würdigte seinen ehemaligen Schulkollegen und langjährigen Freund. Der 77-jährige steirische Red-Bull-Motorsportberater sieht in Jochen Rindt viel mehr als nur eine Formel-1-Legende: "Egal wann man hinkommt, sind auch 50 Jahre nach seinem Tod immer Blumen und Kerzen an seinem Grab. Wir sind zwar eine Skination, aber ich glaube, Jochen ist der populärste Sportler, den Österreich je hatte. Er war ein Mythos."