Das erfolgreichste Team der Formel-1-Geschichte steckt in einer handfesten Krise - und kommt nicht zur Ruhe. Kurz vor dem 1000. Grand-Prix-Start von Ferrari am Sonntag (15.10 Uhr/ORF1) bei der WM-Premiere auf deren Haus- und Hofstrecke in Mugello sorgte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel mit der Bekanntmachung seines Wechsels zu Aston Martin ab 2021 für weitere Unruhe im ohnedies bereits angespannten Rennstall. Nachdem die Scuderia Mitte Mai den Abschied des Deutschen verkündet hatte, war dieser auf der Suche nach einem neuen Team - und wurde beim englischen Nachfolge-Team von Racing Point fündig. "Es ist ein neues Abenteuer für mich mit einem wahrhaft legendären Autobauer", sagte Vettel euphorisch.

Wäre ein Abgang von Ferrari zu einem anderen Rennstall zu jedem anderen Zeitpunkt als Abstieg zu verbuchen, stellt sich die Situation aufgrund der aktuellen Ferrari-Krise in einem ganz anderen Licht dar. Racing Point, das ab nächster Saison als Aston-Martin-Werksteam antreten wird, ist nämlich in der diesjährigen Weltmeisterschaft als viertbester Rennstall besser als Ferrari gereiht, und da der möglichen Weiterentwicklung der Boliden für die kommende Saison aufgrund der eingeschränkten finanziellen Mitteln durch die Corona-Pandemie Grenzen gesetzt sind, darf Vettel tatsächlich auf eine bessere Ausgangsposition im kommenden Jahr bei Aston Martin hoffen.

"Eine Saison zum Vergessen"

Enzo Ferrari zog seine Autos bei der Formel-1-Premiere 1950 in Silverstone prompt zurück. Das Startgeld war ihm zu gering. - © AFP
Enzo Ferrari zog seine Autos bei der Formel-1-Premiere 1950 in Silverstone prompt zurück. Das Startgeld war ihm zu gering. - © AFP

Doch bis dahin heißt es für den bis heute jüngsten Formel-1-Weltmeister aller Zeiten, der bis vor kurzem noch an einen möglichen Rücktritt dachte, und seinen monegassischen Stallkollegen Charles Leclerc, das Beste aus ihren Autos herauszuholen. 15 Fahrer- sowie 16 Konstrukteurs-Titel hat das Traditionsteam aus Maranello bis dato gewonnen, 238 Grand-Prix-Siege wurden in der langen Historie bisher eingefahren. Doch von solchen Erfolgen darf Ferrari angesichts der katastrophalen Ergebnisse in den jüngsten Rennen gar nicht zu träumen wagen. Vor dem Premieren-Grand-Prix am Sonntag auf der firmeneigenen Rennstrecke mit dem klingenden Namen "Autodromo Internazionale del Mugello" rangieren die roten Teufel nur auf dem sechsten Platz der Konstrukteurswertung. Mit lediglich 61 Punkten, welche man aus den bisherigen acht Rennen abstauben konnte, muss das italienische Traditionsteam gar fürchten, noch von Alpha Tauri mit Monza-Überraschungsmann Pierre Gasly überholt zu werden. Kein Wunder. Denn an den jüngsten Rennwochenenden schaffte weder Routinier und Vierfach-Weltmeister Vettel noch Jungstar Leclerc einen Platz in den Punkterängen. Sechs magere Pünktchen sind die Ausbeute der vergangenen drei Grand Prix. Von einem "Debakel", "Albtraum" und "einer Saison zum Vergessen" ist in den italienischen Gazetten zu lesen.

Sebastian Vettel zieht es zu Aston Martin. Beim ersten Training am Freitag in Mugello wurde er nur 13. - © REUTERS
Sebastian Vettel zieht es zu Aston Martin. Beim ersten Training am Freitag in Mugello wurde er nur 13. - © REUTERS

Ferrari schlittert somit unaufhaltsam in die größte Krise seit Jahrzehnten - und das zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Denn im italienischen Mugello, wo einst Michael Schumacher abertausende Testkilometer im berühmten roten Rennwagen abspulte, feiert der Ferrari-Tross beim Toskana-Grand-Prix ein besonderes Jubiläum: das 1000. Formel-1-Rennen in der Geschichte von Ferrari. Damit ist die Scuderia das Team mit den weitaus meisten Starts in der Königsklasse des Automobilsports - und auch das einzige, das bisher keine einzige Saison verpasst hat.

Seit einigen Jahren hat Ferrari ernste Probleme damit, die Spur zu halten. - © AFP
Seit einigen Jahren hat Ferrari ernste Probleme damit, die Spur zu halten. - © AFP

Dabei hat das Traditionsteam aus Maranello Glück, dass nicht bereits der Doppelausfall im Grand Prix von Monza am vergangenen Wochenende das Jubiläum brachte. Zu verdanken ist dies niemand Geringerem als Ferrari-Gründer Enzo Ferrari höchstpersönlich. Denn beim allerersten Formel-1-Grand-Prix der Geschichte in Silverstone 1950 war er es, der kurzerhand die Meldung seiner Boliden zurückzog und somit freiwillig auf die Teilnahme an der Premiere verzichtete. Grund: Das Startgeld, welches für den Antritt bezahlt worden wäre, war dem damaligen Teamchef schlicht und einfach zu gering. Doch acht Tage später war es dann so weit: Ferrari nahm in Monaco erstmals an einem Formel-1-WM-Rennen teil - und dies durchaus erfolgreich. Trotz deutlich leistungsschwächerer Motoren als die konkurrierenden Rennwagen belegten die Ferrari-Piloten sensationell die Ränge zwei und vier. Der Einstand war gelungen.

Premierensieg in Silverstone

Noch besser kam es ein Jahr später, als der Argentinier José Froilán González in Silverstone 1951 den Premierensieg für den italienischen Rennstall einfuhr. Dort, wo man ein Jahr zuvor ob des vermeintlich zu geringen Startgeldes noch auf ein Antreten verzichtet hatte. Der erste Rennsieg war geschafft, die Weltmeisterschaft ging jedoch an den härtesten Konkurrenten Alfa Romeo. Doch nach einer Regeländerung in der darauffolgenden Saison und dem damit zusammenhängenden Rückzug des Titelverteidigers aus der Formel 1, war der Weg frei für Ferrari: Alberto Ascari sicherte sich in seinem Ferrari sowohl 1952 als auch 1953 den WM-Titel. Zahlreiche weitere Ferrari-Piloten sollten sich in den Folgejahren ebenfalls in die Liste der Formel-1-Weltmeister eintragen, so zum Beispiel Niki Lauda (1975, 1977), Schumacher (2000 bis 2004) oder der immer noch in der Motorsportserie aktive Finne Kimi Räikkönen (2007) als bisher letzter Scuderia-Vertreter.

Chance auf Wiedergutmachung

Das Ende der seither 13-jährigen Durststrecke ohne WM-Titel für Ferrari scheint noch lange nicht in Sicht. Denn im Ferrari-Rennstall ist die Atmosphäre nicht erst seit Bekanntwerden des Vettel-Abgangs äußerst angespannt. Statt konstruktiver Fehlersuche herrscht eiserner Erfolgsdruck. Dass dieses Rezept nicht von Erfolg gekrönt ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Stellungnahme Vettels nach dem Doppel-Nuller im Heim-Grand-Prix von Monza vergangene Woche, als er seine Gefühle im ORF-Interview mit den Worten ausdrückte: "I mog nimma." Seinen Humor verliert der Deutsche trotz katastrophaler Auftritte dennoch nicht: "Fit bin ich ja, weil ich fahr ja keine Rennen. Ich bin ja nach zehn Runden schon fertig und auch im Qualifying nach dem Q1 schon raus." Nachsatz: "Aber im Kopf sieht es ein bisschen anders aus."

Während Mercedes-Pilot Lewis Hamilton also zielsicher auf seinen bereits siebenten WM-Titel zusteuert und auch im sonntägigen Grand Prix als heißer Favorit auf seinen insgesamt 90. Grand-Prix-Sieg gehandelt wird, heißt es für Vettel und Co. vorerst weiter Wunden lecken. "Es ist nicht so, dass man wahnsinnig viel erwarten kann", meinte der Deutsche in Vorausschau auf den Grand Prix in Mugello. Trotz der Tatsache, dass Vettel und Leclerc auf der firmeneigenen Rennstrecke in diesem Jahr bereits einige Testfahrten absolvieren konnten, findet sich die Scuderia - vorsichtig gesprochen - in der Außenseiterrolle wieder. Dennoch bietet das 1000. Formel-1-Rennen von Ferrari, bei dem zum ersten Mal in dieser Saison auch bis zu 2880 Fans an der Strecke mit dabei sein dürfen, eine Möglichkeit für Wiedergutmachung.

Und so schlecht sah es beim ersten freien Training am Freitag auch nicht einmal aus - wenn auch nicht unbedingt für Vettel. Während der Deutsche in Mugello über den 13. Rang nicht hinauskam, setzte Leclerc mit einem dritten Platz hinter Mercedes-Pilot Valtteri Bottas und Max Verstappen (Red Bull) endlich ein Lebenszeichen. Vielleicht gibt es ja am Sonntag doch noch etwas zu feiern.