Nach dem bisher größten Triumph seiner Karriere stand Dominic Thiem den Medien Rede und Antwort. "Eine riesige Erleichterung" verspürte der 27-jährige Niederösterreicher nach dem hauchdünnen Fünfsatz-Sieg über Alexander Zverev. Zudem äußerte er sich im Interview unter anderem auch darüber, was dieser Titel in Flushing Meadows für seine weitere Laufbahn bedeuten könnte.

Was waren Ihre Gedanken nach diesem Matchball auf dem Rücken liegend und was kann diese Befreiung jetzt für Ihre Karriere bedeuten?

Thiem: Wie beim Matchball der Ball ins Out geflogen ist, einfach eine riesige Erleichterung. Die ganzen Emotionen, der ganze Druck von dem Match, von dem ganzen Turnier ist auf einmal abgefallen. Ein überglücklicher Moment: ein bisserl so wie Wien oder Indian Wells nur noch um einiges stärker. Ich hoffe, dass mich der Titel generell ein bisserl erleichtert, weil ich habe bis jetzt eine Riesenkarriere gehabt, auf die ich sehr stolz bin und die ich mir auch nie so erwartet habe. Aber es hat eben der ganz große Titel bis jetzt gefehlt. Das Thema ist jetzt abgehakt und ich hoffe und erwarte auch ein bisserl, dass mir das hilft und ich ein bisserl lockerer in die Matches und in die ganz großen Turniere reingehe.

Wie ist es für Sie, gerade in New York diesen ersten Major-Titel zu gewinnen?

Ich habe immer gesagt, es ist mir wirklich ganz egal, welches von den vier (Majors, Anm.) kommt, Hauptsache, es ist eines gekommen. Natürlich war es vor allem zu Beginn, als ich in die Top Ten gekommen bin und das erste Halbfinale in Paris gespielt habe, am wahrscheinlichsten, dass es irgendwann einmal dort passiert. Aber so gegen Ende des letzten Jahres ist der Hardcourt immer mehr zu einem sehr guten Freund von mir geworden. Ich habe immer mehr gemerkt, dass manche Schläge und Spielzüge von mir auf Hardcourt sogar noch besser funktionieren als auf Sand. Dann habe ich auch richtig gute Ergebnisse gehabt mit Peking, Wien, London und Australien. Dann habe ich gewusst, dass ich es bei jedem Turnier schaffen kann. Das zu wissen, plus die ersten drei Finali zu verlieren, und dann es wirklich zu machen, vor allem in der Art und Weise wie heute mit dem ganzen Drama, macht mich wirklich glücklich. Ich bin endlos froh, dass das geklappt hat heute.

Gab es heute eine Phase, in der Sie das Publikum gebraucht hätten und wie traurig war die Siegerehrung in dem leeren Riesenstadion?

Das Publikum hätte uns gegen Ende des Matches beiden geholfen. Ich war einfach am Anfang so nervös und habe teilweise wirklich grottenschlecht gespielt in den ersten zwei Sätzen. Vielleicht wäre es da mit Publikum noch ein bisserl schwerer geworden, weil da wäre sicher ein paar Mal ein Raunen durchgegangen bei manchen Fehlern. Aber dann im fünften Satz haben wir beide alles rausgeholt, körperlich und mental, da wäre eine Unterstützung schon schön gewesen. Die Siegerehrung: sicher wäre es vor all den Leuten schön gewesen. Hoffentlich waren viele vor dem Fernseher dabei.

 Haben Sie in diesem fünften Satz an irgendetwas gedacht?

Thiem: "Gedankenspiele haben schon nach dem ersten Game im fünften Satz angefangen. Ich bin von Anfang an der Partie hinterhergelaufen und dann war ich plötzlich ein Break vorne. Natürlich unweigerlich kommt dann im Kopf der Gedanke 'uh, man könnte es wirklich schaffen heute'. Das war aber ein Fehler, weil dann ist doch der Arm ein bisschen schwer geworden in dem Game. Ich habe ihn mit dem Rebreak ein bisschen zurückgeholt wieder und ab dann war es ein völliger offener Schlagabtausch. Bei 3:4 beginne ich körperlich zu 'strugglen', er allerdings auch. Bei 3:5 habe ich mich schon mit dem vierten verlorenen Finale gesehen und dann spiele ich zum Glück ein super Game zum Rebreak. Dann war es an Drama nicht mehr zu überbieten und absolut sensationell."

Sie hatten im fünften Satz Probleme: Hatten Sie Angst, ihr Körper würde es Ihnen nicht erlauben, das Match zu gewinnen?

Thiem: "Ich habe am Ende des fünften Satzes ein bisschen Krämpfe bekommen. Das war das erste Mal seit vielen Jahren. Aber ich glaube, dass das nicht physische Krämpfe waren. Es war mental. Ich war den ganzen Tag eigentlich supernervös und auch zu Beginn des Matches. Irgendwie war heute der Glaube stärker als der Körper und ich bin überglücklich darüber."

Was wird jetzt in Österreich los sein?

Ich hoffe, dass natürlich so viele Leute wie möglich vor dem Fernseher dabei waren, was ich schon glaube, weil es schon im Vorhinein ein attraktives Finale war. Es ist schon nach Australien echt die Post abgegangen, da waren unglaubliche Quoten im Fernsehen und auch der Bekanntheitsgrad ist noch einmal um einiges gestiegen. Wie es jetzt sein wird, weiß ich nicht. Es ist alles ein bisserl anders wegen der Coronakrise, aber ich bin gespannt wie es ist, wenn ich zurückkomme. Natürlich hoffe ich, dass die Situation bald wieder normal ist und ich bald wieder zu Hause bei den heimischen Turnieren vor vollen Rängen spielen kann.

Nun steht schon bald Roland Garros vor der Tür. Hat Rafael Nadal nun einen großen Vorteil, weil er sich entschlossen hat, nicht in den USA zu spielen?

Nun, ich glaube, dass ich körperlich zu 100 Prozent fit sein werde. Ich werde genug Zeit haben, um mich von den Problemen, die ich hatte, zu erholen. Die Frage ist, wie ich mit den Emotionen mental umgehen werde. Ich war noch nie in dieser Situation. Ich habe ein großes, großes Ziel erreicht. Dennoch erwarte ich, dass es für mich in den großen Turnieren jetzt einfacher wird. (apa)